Mein Körper gehört mir?

Als Kind hatte ich in der Grundschule einen Selbstverteidigungskurs. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie der „böse Mann“ sich im Spiel neben die „liebe Frau“ gesetzt hat und ihr auf die Pelle rückte. Für uns Kinder war es offensichtlich, dass der Frau das viel zu nah und unangenehm war. Obwohl es so viele Jahre her ist, ist mir der Begriff des „Nein-Gefühls“, den wir dort lernten, noch total präsent. Es gab noch ein passendes Lied dazu, um die Nachricht bei uns Kindern zu festigen: „Mein Körper der gehört mir allein, und wenn ich was nicht will, dann sage ich NEIN!“

In der Familie haben wir jahrelang mit dem Begriff rumgespaßt, und uns gegenseitig an das Nein-Gefühl erinnert. Beispielsweise habe ich bis heute ein starkes Nein-Gefühl, wenn ich die Spülmaschine einräumen muss. 😉 Der Sinn des Nein-Gefühls war dadurch natürlich ein bisschen ins Lächerliche gezogen, doch vergessen habe ich ihn genau aus diesem Grund nie. Mein Körper gehört mir allein, und ich bestimme, wer mir wie weit auf die Pelle rücken darf.

Mit den Pferden versuche ich auf eine ähnliche Art umzugehen. Auch wenn es unabdingbar ist, dass sich das Pferd von der Weide holen lässt, und auch fremde Menschen in seiner Nähe akzeptiert, so finde ich es trotzdem unglaublich wichtig, ihnen immer mit Respekt zu begegnen. Sie mit der Körpersprache zu „fragen“, ob wir sie anfassen dürfen. Vielleicht passt dieser Gedanke nicht in die nach wie vor weit verbreitete Dominanztheorie, mit der sich viele Pferde konfrontiert sehen. Meiner Erfahrung nach ändert sich die Beziehung zum Pferd jedoch auf ganz wunderbare Art und Weise, wenn wir beginnen, sie um ihre Erlaubnis zu fragen, in ihren persönlichen Raum hineinzutreten, anstatt ihnen auf selbstverständliche Art und Weise die Tür einzutreten, und sie mit unserer Präsenz zu überfallen.

Dem Pferd entgegenzutreten und sich dabei seiner Gefühle bewusst zu sein ist der erste und für mich wichtigste Schritt mit ihm auf eine Augenhöhe zu kommen. Faible zeigt mir im Training auch mal ihr Nein-Gefühl. Ich habe mich bewusst dazu entschieden, ihr dieses Recht einzuräumen. Das bedeutet nicht, dass sie mir gegenüber respektlos wird, sondern es bedeutet, dass sie mir mitteilen darf, wann es ihr zu viel wird, und wann sie nicht von mir bedrängt werden möchte. Gebe ich ihr diese Möglichkeit der Meinungsäußerung, so entscheidet sie sich meist umso schneller wieder FÜR mich – nur diesmal tatsächlich aus eigenen Stücken!

Es wirkt als wäre es befreiend für das Pferd, sich so an der Kommunikation beteiligen zu dürfen. Ich lasse mitentscheiden, und fordere mich selbst damit heraus, mein Pferd von mir und meiner Nähe zu überzeugen. Die Kraft der Zuneigung und des Ja-Gefühls ist so stark, dass es jedes frustrierende kurzweilige „Nein“ des Pferdes ganz deutlich in den Schatten stellt. Die Krux an der Sache ist, dass wir dieses herrliche Ja-Gefühl nur dann erleben können, wenn wir dem Pferd tatsächlich auch die Möglichkeit des Neins bieten. Aus Angst vor einem Nein des eigenen Pferdes, das uns zugegebenermaßen ganz schön kränken kann, umschiffen viele Pferdemenschen diese potentielle Gefahr mit dominantem Verhalten – das schreibe ich aus eigener Erfahrung.

Auf das Ja des Pferdes zu warten bewirkt eine Motivation die von Herzen kommt. Es schafft eine Sicherheit, das Pferd nicht zu überfordern, und den Fokus auch auf den Geist des Tieres legen zu können. Besonders das Reiten ist ein unglaublich großer Eingriff in die Privatsphäre der Pferde, die wir als Selbstverständlichkeit hinnehmen. Demut und Achtung vor dem anderen Lebewesen stellt die Reitkunst auf eine Ebene, die mit dem Dressieren nicht mehr viel gemein hat. Es ist wichtig, dem Pferd nach getaner Arbeit noch in die Augen sehen zu können, habe ich letztens gelesen. Das trifft es ziemlich gut. So wie ich möchte, dass das Pferd meinen eigenen Raum achtet, so sollte ich auch seinen Raum beachten und akzeptieren. Das Pferd als Herdentier ist gerne mit uns Menschen zusammen, wenn wir es gut behandeln. Das wird mir durch jedes Ja eines Pferdes bewusst.

Lesenswert: Petra von der Pferdeflüsterei beschreibt HIER wieso die Beziehung zu deinem Pferd schon beim Hallo! beginnt.

Ein in der freien Arbeit motiviertes Pferd ist keine Zauberei! Aber magisch ist es trotzdem. 

7 Antworten zu “Mein Körper gehört mir?

  • Liebe Miri, gerade gestern lief in den Nachrichten ein kurzer Bericht über einen Mann der mehrere Stuten in seiner Umgebung missbrauchte. Ich konnte es nicht fassen. Da läuft tatsächlich ein mann nachts durch die Ställe und vergeht sich an Stuten. Innere Verletzungen waren die Folge und viel schlimmer die Psyche der Pferde hatte sehr gelitten.
    Wenn ich mit Sumatra gearbeitet habe war ich mir jederzeit bewusst, was für ein Geschenk es ist, dass sie mich an sich ran lässt. Zumal es bei ihr ja wirklich gedauert hat bis sie mir die Erlaubnis gab.
    Ich finde es super dass du einen Artikel dazu schreibst.
    Das nein-Gefühl ist such mir bekannt und natürlich wurde es bei uns auch öfters für das staubsaugen oder rasenmähen genutzt. Trotzdem, vergessen wofür es wirklich steht habe ich nicht. Und gerade bei Personen/Tieren die sich nicht verbal über ein ja oder nein Gefühl äußern können, muss man ganz genau hinhören!
    Liebe Grüße
    Lisa

  • Liebe Lisa!

    Das habe ich auch gehört, schrecklich! Ich finde, sobald man sich das Ja- und Nein-Gefühl des Pferdes bewusst gemacht hat, ist es überdeutlich für uns zu lesen! Das hast du in der freien Arbeit mit deiner Sumatra sicherlich auch schnell gemerkt, wenn ich mich richtig erinnere. Die Erlaubnis zu bekommen ist doch etwas magisches, besonders wenn es vorher ein echtes, dickes NEIN gegeben hat! 🙂

    Viele Grüße zurück!

  • Liebe Miri,

    was du hier schreibst, finde ich so wichtig. Ich fasse mein eigenes Pony auch nicht an, wenn er es mir nicht erlaubt. So viele Leute erwarten Respekt von ihrem Pferd und respektieren es selber nicht. Ich frage immer, ob ich ihn anfassen darf. Wenn er zustimmt ist gut, wenn nicht, akzeptiere ich das. Oft werde ich dafür belächelt, aber mein Pony dankt es mir.

    Liebe Grüße
    Miriam

  • Liebe Miri,
    ich habe vor 4 Monaten begonnen, mich mit Tier-kommunikation zu beschäftigen. Seit dem achte ich mehr auf die Körpersprache des Pferdes und gehe mehr auf die emotionale Verfassung ein. Ein NEIN habe ich bisher noch nie bekommen, könnte aber auch sein, dass ich es bloß nicht gemerkt habe? Allerdings ist es eine Gradwanderung wieviel und wie oft man eine NEIN akzeptieren sollte. Wann verliert der Mensch ggf. seine Führungsposition? Das ist immer abhängig vom Charakter der Pferdes. Bei sehr dominanten Tieren ist das möglicherweise ein Problem. Oder wie seht ihr das?
    Sylke

  • Hallo Miri, das ist ein tolles Thema!
    Ich habe mich schon vor Jahren in einer Diskussion mal dahingehend geäußert, warum wir Menschen einfach so selbstverständlich die Pferde für unsere Zwecke "benutzen". Damit meine ich nicht nur die offensichtlichen Negativbeispiele der Reiterwelt sondern auch die, die tadellos reiten und gut mit dem Pferd umgehen. Aber auch solche erscheinen zu einer bestimmten Uhrzeit im Stall, "platzen" einfach in die Box rein, halftern auf und reiten ihr Pferd, weil sie es so geplant hatten. Viele fühlen nicht vorher mal ins Pferd rein, ob vielleicht an dem Tag ein anderes Programm besser fürs Pferd wäre. Von Anfragen beim Pferd, ob man es überhaupt berühren darf, sind so viele meilenweit entfernt. Ich habe in den Augen meiner Unterhaltungspartner damals erkannt, dass überhaupt nicht der Sinn meiner Aussage verstanden wurde, weil gar nicht erst in diese Richtung gedacht wurde.

    Aber ich beobachte sehr wohlwollend, dass viele auch auf diesem Gebiet sensibler werden und ich finde es toll, wenn jemand auch noch so mutig ist, einen Beitrag darüber zu schreiben! Vielen Dank!

    @Silke
    Deine Anmerkung wieviele Neins man akzeptieren darf, finde ich sehr berechtigt. Ist der Tierarzt vor Ort und das Pferd sagt Nein dazu, dass es mitkommt, ist es eine blöde und unnötige Situation. Wir Menschen machen auch viel, was wir nicht wollen aber eben müssen, weil diverse Gründe dafür sprechen.
    Ich denke man muss den Denkansatz hierzu drehen. Egal ob bei diesem Thema oder im "herkömmlichen" Umgang mit dem Pferd, wenn das Pferd uns nicht als Führungsperson anerkennt, haben wir keine Chance (man denke an die auskeilenden Pferde beim Schmied, weil ihnen nie beigebracht wurde, dass das Ok ist sondern direkt mit Zwang reagiert wurde). Im Endeffekt ist das Pferd der Stärkere.

    Und auch in dem Fall des "Nein-Sagen" akzeptierens, müssen wir den Pferden mit einer gewissen Bestimmtheit es so übermitteln, dass man schon weiß, dass es das jetzt nicht will, es aber trotzdem wichtig für es ist. Und ich denke, dieses nur leicht veränderte Verhalten unsererseits, gibt den hier beschriebenen Erfolg.
    Pferde in der Herde diskutieren nicht untereinander, da gibt es klare Ansagen und ich finde, die können wir auch machen.
    Wenn ein Leittier Gefahr wittert und die Herde in Bewegung setzt, würde das Nein-Sager-Pferd alleine der Gefahr ausgesetzt. Das wird aber nie vorkommen, weil diese Entscheidung vom Leittier niemals angezweifelt wird, weil es zu verstehen gibt, dass es ernst ist und keine Toberei. Und zu dieser Art Leittier müssen wir werden.

  • Liebe Sylke,

    für mich ist mittlerweile ein "Nein" sehr deutlich, seitdem ich mich mit der positiven Verstärkung auseinandersetze. Die Körpersprache des Pferdes spricht dann wie ein offenes Buch – das ist mir unangenehm, lass das, was willst du? Für mich ist es gar nicht so einfach ein Beispiel zu nennen. Gestern war ich bei einem Hängertraining dabei. Das Pferd war zögerlich, aber wollte seiner Vertrauensperson auch folgen. Als dann ein Außenstehender plötzlich von hinten Druck machte, war das Nein des Pferdes mehr als offensichtlich für mich zu sehen.

  • Liebe Regina,

    deinen Vergleich finde ich super. Es gibt einen ganz großen Unterschied zwischen: "Ich will dass du das machst – weil ich es unbedingt will!" und "Ich will dass du das machst – weil dich das rettet." Ich denke mit einer Konsequenten Führung geben wir unserem Pferd die Sicherheit, im Falle einer Gefahr (Notwendigkeit) die Führung auch konsequent einhalten zu könne. Ich will dass mein Pferd nicht wählt zwischen dem Unheil der Gefahr und dem was es blüht, sollte es vor mir als Autorität wegspringen. Mein Ziel wäre ein Pferd, das im Falle einer Gefahr zu mir schaut und mich fragt: "Was jetzt? Rettest du mich?"

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