Nur dabei statt mittendrin – Eine Nacht bei den Pferden.

Es ist Abend und die Sonne geht langsam unter. Womöglich ist dies der letzte heiße Sommertag und ich merke, wie ich mich innerlich schon von der warmen Jahreszeit verabschiedet habe und Richtung Herbst schaue. Heute Abend möchte ich ein Versprechen einlösen, das ich mir bereits vor zwei Jahren gegeben habe, als ich noch schwanger war. 

Eine Nacht bei den Pferden schlafen. Ohne Mann, ohne Kind, ohne Hund. Ohne Erwartungen und ohne Zeitdruck.

Ganz langsam kämpft sich der alte Campingbus meiner Eltern den Trail hinauf, bis er bei der alten Eiche oben an den Wiesen seine Endposition erreicht. Die Pferde kommen von ihren Heuraufen mit hoch, um ihn zu begutachten und mit Blick auf unsere jungen Wallache, die keine Gelegenheit auslassen spannende Dinge mit den Zähnen zu erkunden, bin ich froh, dass uns ein dünner Zaun trennt.

Ich winke meinem Mann zum Abschied und als er den Trail herunter läuft und mich alleine lässt, spüre ich, wie meine Gefühle Achterbahn fahren, mein Herz schneller schlägt und ich erst einmal zur Ruhe kommen muss. Meine Familie weiß genau, wie wichtig mir diese kleine Traumerfüllung ist und als ich im Bus eine Picknickdecke finde, Seite an Seite mit einem liebevoll und nur für mich zusammengestellten Carepaket, fließen erst einmal dicke Tränen.

Ich fühle mich geliebt und mutig und zum ersten Mal seit langer Zeit auch irgendwie wohltuend einsam.

Langsam gieße ich mir heißen Tee ein, atme tief durch und setze mich auf die Decke in Blickrichtung der Herde, die nun zufrieden neben dem Bus das kurze Gras rupft.

Mein Blick schweift über das schöne Tal mit den Wäldern und unserem Offenstall. Als ich wieder bei den Pferden ankomme, lasse ich jedes Tier einzeln auf mich wirken und ich fühle den Zusammenhalt ihrer Gruppe.

Ich merke, dass ich nicht hierher gekommen bin, um ein Teil von ihnen zu sein. Ganz im Gegenteil. Ich bin hier, weil ich für mich sein möchte. Mal wieder alleine sein, ohne mich in Anwesenheit der Pferde einsam zu fühlen.

Nacheinander kommen sie im Laufe der nächsten Stunde an meine Picknickdecke heran und zeigen mir Facetten ihrer Persönlichkeit. Einer von ihnen streckt mir erwartungsvoll seine warmen Nüstern entgegen und möchte berührt werden. Ein anderer zupft nach kurzem Schnuppern energisch an meiner Decke und bringt mich zum lachen, weil er damit genau dieses Bild erfüllt, welches ich von Anfang an vor Augen hatte. Wieder ein anderes Pferd schnuppert minutenlang an meinem Tee und kaut und schleckt sich das Maul.

Mal tummelt es sich am Bus und mal ist es nur ein Pferd, das scheinbar zufällig meine Nähe sucht und mir mit seiner Anwesenheit gut tut.

Meine Faible überrascht mich nicht und kommt – ihrem Charakter ganz angemessen – erst nach längerer Zeit mit energischen Schritten auf mich zu. Die anderen Pferde weichen ihr und sie begrüßt mich sanft und freundlich, stellt sich über mich und entspannt sich für ein paar Minuten mit mir zusammen.

“Schön, dass du da bist!”, scheint sie zu sagen. Dabei ist es meine Stimme, die leise diese Worte spricht. Vielleicht auch mehr zu mir selbst, weil ich langsam ankomme, wo ich bin.

Als es dunkel wird, beschließe ich doch noch über die Weide zu wandern. Mich zieht es mit den Augen zu einem dunklen Tier, von dem ich glaube, es könnte Faible sein. Es geht steil bergab und wie in Gedanken merke ich, dass ich so nicht bei dem anvisierten Pferd ankomme und aufgrund der Schwerkraft zu weit runter laufe.

Als sich meine Augen neu orientieren, stehe ich plötzlich doch vor Faible und bemerke die “Verwechslung”. Ein kleiner Glücksmoment für mich und die Erinnerung daran, dass ich meinem Bauchgefühl hin und wieder mehr zutrauen darf, als meinen Sinnen.

Ich streiche kurz über ihre Kruppe und wir wandern langsam zusammen durch die Nacht, bleiben alle paar Meter stehen und holen uns immer wieder gegenseitig ein. Es ist kein Synchronlauf und wir tanzen auch nicht. Wir sind nicht irgendwie magisch verbunden, sondern jeder für sich in dem versunken, was gerade wichtig ist.

Und das fühlt sich richtig gut an.

Mit der Dunkelheit zieht ein Gewitter auf und in der Ferne ziehen Blitze über den Himmel. Als der Regen kommt und das Gewitter immer näher kommt, mache ich es mir im Bus gemütlich und beobachte durch das Rückfenster, wie die Pferde vereinzelt den Kopf heben, aber nicht beunruhigt zu sein scheinen.

Dann, innerhalb von Minuten geht auf dem Feld die Post ab.

Es beginnt ein Starkregen, gepeitscht von Sturmböen, die den Bus ordentlich durchschütteln. Laut und aufregend ist es, und ich beobachte, wie sich die Pferde blitzschnell am tiefsten Punkt der Wiese sammeln. Statt in die Ställe zu laufen, bilden sie eine optische Wagenburg und für mich sieht es in der Dunkelheit aus, als würden sie sich nach Fellfarben sortieren. Ich stelle mir vor, wie sie im Sturmtreiben die Gruppe durchzählen und der Gedanke lässt mich grinsen.

Irgendwann fallen mir die Augen zu, lange nachdem Regen und Gewitter weitergezogen sind. Ich wache erst wieder auf, als die Pferde ganz unaufgeregt eins nach dem anderen an meinem Schlafplatz vorbei Richtung Paddock galoppieren.

Dieses dumpfe Geräusch, wenn die Erde bebt und die Tiere selbstbestimmt über die Wiese galoppieren, ist glaube ich der schönste Wecker der Welt für mich. Ein Moment, in dem ich gut verstehen kann, wieso so viele Menschen mit ihren Pferden am Haus leben möchten.

Auch als die Pferde schon alle wieder nach unten gezogen sind, liege ich noch eine ganze Weile mit geöffneter Schiebetür auf meinem gemütlichen Nachtlager. Als mir mein Mann ein Foto schickt, auf dem er die kleinen Füßchen unseres schlafenden Sohnes im Gesicht hat, putze ich mir in Ruhe auf unserem Trail die Zähne, packe meine Siebensachen und rolle mit dem Bus wieder zu meiner kleinen Familie zurück, um gemeinsam mit ihnen den Tag zu begrüßen.

In meinem Herzen behalte ich die Gewissheit, dass Freiheit vor allem im Kopf entsteht und man Dinge, die man sich wünscht, einfach machen sollte. Auch wenn die Umstände vielleicht so sind, dass man mehrere Anläufe braucht, bis sie in Erfüllung gehen.

Zum Abschied brummelt mir die kleine weiße Stute ein freundliches “Auf Wiedersehen!” und ich merke, wie gut es mir getan hat alleine zu sein und aus meiner persönlichen Komfortzone auszubrechen.

Mut ist ein Gefühl, das jeder Mensch und jedes Tier alleine für sich definieren darf und an jedem Tag kann ein mutiger Schritt anders aussehen. Für mich war diese Nacht bei den Pferden mutig und sie hat meiner Seele gut getan. 

 

 

Hast du auch schon mal bei den Pferden übernachtet oder hast etwas anderes getan, einfach weil du so gespannt auf diese Erfahrung warst? Erzähle mir gerne in den Kommentaren davon, ich freue mich von dir zu lesen!

7 Antworten zu “Nur dabei statt mittendrin – Eine Nacht bei den Pferden.

  • Das ist aber eine wunderschöne Idee! Will ich gleich auch noch irgendwie machen, dieses Jahr! Mal gucken, ob’s klappt.

    • Oh ja, es war echt ein besonderes Erlebnis liebe Jeannette! Ich wünsche dir, dass es klappt! Berichte doch mal anschließend.. 😉

  • Was für eine schöne Geschichte❣️
    Mir sind Tränen gelaufen beim Lesen, weil ich alles nachempfinden kann ,was du geschrieben hast.
    Mein Pferd steht seit 4 Monaten in einem tollen Offenstall in einer sehr netten Herde und ich habe seitdem unzählige Stunden dort verbracht, um einfach nur die Herde zu beobachten und bei ihnen zu sein.
    Jedes Tier strahlt eine ganz eigene Energie aus.
    Für mich ist das wie Meditieren.
    Ich bin dann so entspannt, geerdet und spüre tiefe Dankbarkeit und Verbundenheit
    💜Einfach nur schön💜
    Die Krönung wäre auch eine Übernachtung. Das ist eine gute Idee 😍
    Schön, das es noch mehr Menschen gibt, für die solche Momente und Erfahrungen auch so viel bedeuten 🐎🦄🐴💞

    • Hallo liebe Vanessa,
      wie schön, dass es deinem Pferd und deshalb auch dir im Offenstall jetzt so gut geht! Ich habe es auch so empfunden, dass die Energie an einem Ort im Wesentlichen dafür verantwortlich ist, wie wir uns fühlen. An meinem alten Stall hätte ich niemals übernachten wollen! Vielleicht magst du mir davon berichten, wenn du bei deinem Pferd übernachtet hast? Ich wünsche dir, dass es klappt, wenn du es dir wünschst! ♥♥

  • Oooh, was für ein wundervolles Erlebnis, liebe Miri. Das kann ich so gut nachfühlen beim Lesen. 🙂
    Mit eine der schönsten Erinnerungen an mein Seelenpferd Eldur ist die eine Nacht, die ich bei ihm verbracht habe bzw. vor allem der morgen danach. Es war das einzige Mal, dass ich mit ihm auf einem Turnier war. Das Turnier kann man vergessen… das war nichts für uns. *lach* ABER das ich im Zelt übernachten konnte, das direkt neben Eldurs kleinem Paddock stand… das war eines der Highlights in meinem Leben. 🙂 Ich weiß noch gut, wie ich ihm abends nochmal Gute Nacht gesagt habe, bevor ich in mein Zelt geschlüpft bin. Und ich höre noch als wäre es gestern gewesen das freudige Brummeln, direkt neben meinem Ohr, als ich am nächsten Morgen wach geworden bin. Er hat anscheinend direkt neben mir gestanden und geradezu gewartet, dass ich wach werde. 🙂 🙂 🙂

    Ein anderes Erlebnis ist noch länger her. Ich war vielleicht 11 oder 12 als ich mit meiner besten Freundin Urlaub auf einem Ponyhof gemacht habe und wir eine Nacht im Unterstand bei den Pferden geschlafen haben – quasi in der Heuraufe die groß genug war, dass wir beide dort im Heu liegen konnten und noch einen guten Meter bis zu den Ponynasen hatten. ich weiß noch was für ein Abenteuer das für uns war und wie wir feststellen mussten, dass Heu doch ganz schön pieksig sein kann und dass die Mücken uns nicht in Ruhe lassen würden… Die Geräusche der Ponys waren wundervoll, hielten uns aber natürlich auch wach.
    Irgendwann müssen wir doch eingeschlafen sein… als wir bei Sonnenaufgang wach wurden, mussten wir feststellen, dass die Ponys es geschafft hatten so viel Heu wegzufressen, dass mein Rucksack vom Heuberg heruntergerutscht und auf dem Paddock gelandet war. Und natürlich hatten die Shetties diesen seeehr spannend gefunden. Wir durften dann erstmal über den Paddock laufen und den Inhalt wieder zusammensuchen. Ich werde nie vergessen wie wir uns schlapp gelacht haben, weil die Ponys wirklich seeehr gründlich gewesen waren… mein Lieblings-Holzbleistift war in kleinste Teile zerkaut worden… der Radiergummi sah aus, als hätte er als Pony-Kaugummi herhalten müssen… Gut, dass er nicht geschmeckt hat und wieder ausgespuckt worden war… *lach* Mit dem Erwachsenen Blick bin ich einfach nur froh, dass die Ponys nichts gefressen haben, was ihnen hätte schaden können! Damals als Kinder fanden wir das einfach nur mega lustig. 😉

    Liebe Grüße,
    Jessi

    • Hallo liebe Jessica,

      vielen Dank, dass du auch von deinen Erlebnissen erzählt hast! Das klingt echt wie ein kleiner Kindheitstraum und ich kann mir bildlich vorstellen, wie ihr morgens wach geworden seid und die Ponys eben getan haben, was Ponys so tun! 😀 Herrlich! Neben all den Gefahren, die wir als Erwachsene sehen, ist es glaub ich sehr wichtig, uns selbst und unser Handeln nicht immer so bierernst zu nehmen und über uns selbst lachen zu können. Das konnten wir als Kinder so gut! Ich nehme mir aus deiner Geschichte auf jeden Fall die Inspiration mit, mich selbst in nächster Zeit mal wieder mehr als fehler- und humorvolles Wesen wahrzunehmen. Unser Leben ist doch viel zu kurz, um überall nach Perfektion zu streben!

      Viele liebe Grüße zurück!

      Miri

  • Was für eine schöne Geschichte.
    Ich hab schon mehrfach bei den Ponys geschlafen, da diese bei uns am Haus stehen.
    Es ist total schön so dicht bei ihnen zu sein und auch mal ihre Gewohnheiten in der Nacht mitzubekommen. Allerdings habe ich im Sommer mit der Gartenliege bei ihnen geschlafen und da war es nicht ganz so romantisch aufgrund der vielen Mücken. Irgendwann bin ich vor den Biestern dann ins Haus zurück geflüchtet. Schön war es trotzdem.
    Als unser Parcival krank war, habe ich bei ihm Stall geschlafen und auch wenn die Umstände nicht schön waren, war das eine sehr schöne Erfahrung, die uns nochmal mehr miteinander verbunden hat.
    Liebe Grüße
    Miriam

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