Der „Clickerman“ Südafrikas.

26.01.2015 Erfahrungsaustausch mit Jenku Dietrichsen.

In Johannesburg hatte ich die Ehre einen Tag lang mit Jenku Dietrichsen zusammenzuarbeiten, und ihm beim Training über die Schulter zu schauen. Obwohl unsere gemeinsame Zeit sehr begrenzt war, und wir uns noch tagelang hätten austauschen können, versuche ich unsere erste Begegnung so gut es geht auf den Punkt zu bringen.

Linton jagt der Fahne hinterher. Lebensfreude und Motivation pur!

Jenku ist – sowohl optisch, als auch im Herzen – ein echter Horseman. Seine Begeisterung für das Training mit der positiven Verstärkung (Clickertraining) hat er erst für sich entdeckt, nachdem er seine bisherige Arbeit mit Pferden nach einem schweren Reitunfall hinterfragen musste. Zuvor hatte er teilweise mit so viel Druck auf Pferde eingewirkt, dass diese keine andere Möglichkeit sahen, als sich mit Gegendruck zu wehren.

Inspiriert von einem Clickerbuch für Hunde, begann er das System auch mit Pferden auszuprobieren. Damals war er mit seiner Idee ein Sonderling, den viele der ansässigen Pferdetrainer als eine Eintagsfliege bezeichneten. Jenku glaubte weiter an die Idee, Pferde auch auf andere Weise für die Arbeit mit uns Menschen zu motivieren, und bastelte kontinuierlich daran, seinen Traum zu verfolgen. Ich habe großen Respekt vor diesem Mut und der Willensstärke, weil ich doch zu gut selbst weiß, wie oft ich wegen meiner Philosophie belächelt werde.

Eine kurze Aufforderung – schon lag Linton im Sand.
Zu Beginn der Trainingseinheit mit dem wunderschönen Linton habe ich mich an den Rand des Reitplatzes gesetzt. Nachdem wir auf der kurzen Fahrt zum Reitstall schon wie die Wasserfälle geredet hatten, wollte ich mir erst einmal in Ruhe ansehen, wie Jenku mit Linton arbeitet. Da die beiden schon seit mehreren Jahren neben der Arbeit unter dem Sattel auch am Boden zusammen arbeiten, trabte Linton hochmotiviert in die Arena, um sich sogleich auf Jenkus Bitte hin genüsslich im heißen Sand zu wälzen, und ihn anschließend erwartungsvoll anzublicken.
Aus einem lockeren Trab wird ein lockere Passage.
Jenku gibt noch keinen strengen Rahmen vor, trotzdem ist
deutlich sichtbar, wie viel mehr Energie nach oben statt
nach vorne gebracht wird.
Aus dem Spiel heraus fragte Jenku Linton nach ein paar Lektionen, an denen die beiden derzeit arbeiten. Linton sprühte vor Energie, und es war als wüsste er, dass ich die Kamera im Anschlag hatte, um ihn von seiner schönsten Seite abzulichten. Ungezwungen und motiviert passagierte und piaffierte er um seinen Freund herum, flitzte zwischendurch kurz voller Lebensfreude buckelnd vom Platz, nur um ebenso schnell wieder neben Jenku zu stehen und auf die nächste Frage zu warten. Wir haben herrlich viel gelacht, und das Pferd schien die Aufmerksamkeit in vollen Zügen zu genießen.

„Zuerst kommt die Antwort. Erst wenn das Pferd die Antwort kennt, beginne ich damit, die Frage zu stellen.“

Den Satz werde ich mir dick hinter die Ohren schreiben. Es ist fest in uns verankert, dass wir der Meinung sind: Unser Pferd wird die Antwort schon finden, wenn wir oft genug fragen. Wenn wir immer lauter fragen. Vielleicht findet unser Pferd die Antwort, weil es aus vielen zuletzt vielleicht verzweifelten Versuchen endlich die richtige Lösung findet, und wir aufhören es mit unserer Frage zu nerven. Wieso denn so kompliziert?

Das Pferd die Antwort finden zu lassen, bevor wir es mit einer völlig unbekannten Frage konfrontieren, das macht es uns beiden deutlich leichter. Einem Pferd den sprichwörtlichen Wink mit dem Zaunpfahl zu schenken, um ihm die Suche nach der Antwort zu vereinfachen, das ist in Wirklichkeit ziemlich simpel! Als Beispiel nenne ich mein „Bei Fuß!“-Spiel. Ich berühre vorsichtig mit meiner Handinnenfläche das Maul des Pferdes, um es daraufhin zu bestärken, dass dies eine super Sache war. Das Pferd hat sich zu dem Zeitpunkt weder einen Zentimeter bewegt, noch ist es von alleine darauf gekommen, meine Handfläche zu berühren. Ich schenke ihm die Antwort, bevor ich ihm eine Frage stelle. Es dauert wenige Minuten, und das Pferd versteht, dass ich sein Maul in meiner Handfläche fühlen möchte – so sanft, wie ich es ihm vorgemacht habe. Positiver Nebeneffekt: Dadurch, dass das Pferd das Gefühl, etwas richtig gemacht zu haben, schon direkt zu Anfang bekommt, ist seine Motivation nicht etwa einem Druck zu weichen, sondern dieses schöne Gefühl noch einmal zu erleben. Ist das nicht toll?

Linton und Jenku beim „Friendly Game“.

Immer wieder baut Jenku zusätzlich zum Clickertraining mir bekannte Natural Horsemanship Lektionen, wie beispielsweise das „Friendly Game“, in seine Arbeit ein. Dabei wird das Pferd mit verschiedenen Reizen konfrontiert, um sein Vertrauen in den Menschen zu stärken, und seine Angst zu besiegen. Auf dem Foto bewegt Jenku die große Flagge mit viel Elan über den Pferdekopf, und lässt sie teilweise sogar richtig über die Ohren drüber streifen. Weil Linton die Übung nicht zum ersten Mal macht, erschrickt er nicht, sondern senkt sogar den Kopf. Immer wieder bemerkte ich Parallelen zu Trainingsmethoden, wie ich sie von Pat Parelli oder Monty Roberts in Erinnerung habe.

Unsere Art des Longierens unterscheidet sich.
Wo ich lieber meine Körpersprache wie ein Spiegel
zur Erklärung einsetze,  setzt Jenku auf einen Mix aus
NHS und Clicker.
Wenn wir das Ziel haben, finde ich es aber auch gar nicht so
wichtig, wie der Weg dorthin aussieht – vorausgesetzt man
begegnet dem Pferd auf Augenhöhe.

Jenku kombiniert also verschiedene Systeme wie das Clickertraining und Natural Horsemanship auf eine besonders pfiffige Art und Weise, und bestärkt mich damit in meiner Philosophie, keine Türen zu anderen Trainingsmethoden zu verschließen. Er festigt am Boden, was anschließend einfach aus dem Sattel abgefragt werden kann, weil das Pferd Frage und Antwort verstanden hat.

Ein Pferdeguru mag für viele eine Hilfe sein, sich an Regeln zu halten und auf eine Methode zu vertrauen. Ich persönlich kann und will mich nicht für eine vorgeschriebene Art des Pferdeumgangs entscheiden, und fülle mein Repertoire deshalb nur allzu gern mit einem Mix aus für mich sinnvollen Einzelteilen, die mich dem Pferd in der Kommunikation noch näher bringen.

Diese Übung scheint eine von Lintons Lieblingslektionen zu sein.
Als er den Vorschlag machte, ein bisschen daran zu üben, hat Jenku
das Angebot gerne angenommen. Ein neuer Gedanke für meine Arbeit!
Bisher habe ich die Ideen des Pferdes als „nicht nachgefragt – nicht angenommen“
abgehakt, in der Angst meine „Kontrolle“ abzugeben. Dabei ist es doch toll,
wenn das Pferd mitdenken möchte, und seine eigenen Ideen einbringt!

Einen Trainer komplett zu kopieren, würde für mich heißen, sich nicht mehr auf das eigene Körpergefühl zu konzentrieren, und intuitiven Bewegungen die Luft abzudrücken. Jenku hat mich darin bestärkt meinen Weg weiterhin so zu gehen, wie er für mich in dem Moment als sinnvoll erscheint. Positiv gestimmt zu sein auf das, was kommen könnte. Diese Einstellung öffnet einem so viele Türen. Nicht zuletzt hat sie mir den Weg zu Jenku geebnet, mit dem ich hoffentlich nicht das letzte Mal mit Pferden zusammen war. Ich konnte vieles für meine Arbeit mitnehmen, und war mächtig stolz, als ich ihm auch ein paar Dinge erklären konnte, die er in nächster Zeit auch mit seinen Pferden ausprobieren möchte. Jenku ist ein Beispiel für einen Pferdetrainer, der aus seinen Fehlern gelernt hat, nicht mit Scheuklappen durch seinen Alltag läuft, und interessiert statt misstrauisch auf andere Philosophien zugehen kann. Für mich war es ein Tag der Inspirationen und des Mutmachens, wie eine grüne Ampel auf meiner kleinen Lebensstraße.

 

Baie dankie Jenku – for this very special day! 🙂

3 Antworten zu “Der „Clickerman“ Südafrikas.

  • Was besonders schön ist, die Freude des Pferdes auf jedem der Bilder. Man spürt richtig die Energie und Begeisterung 🙂

    Liebe Grüße
    Miriam

  • Liebe Miri, was für traumhaft schöne Bilder und ein wunderbarer Text. Das Spiel mit dem "Maul" werde ich mit meiner Kleinen dann auch ausprobieren, wenn sie bei mir ist. Ich mag die Idee, die Antwort zuerst zu geben. Ich denke auch, genau wie Du, dass man von den verschiedenen Trainern lernen kann und sich das abschauen und in den eigenen Werkzeugkasten packen kann, was man selbst für sich und das Pferd passend findet. Es führen viele Wege nach Rom, sagt man doch so schön 🙂 Liebe Grüße, Petra

  • Vielen Dank für eure Kommentare! 🙂

    Petra, den Werkzeugkasten mag ich sehr! Wenn er offen ist, und man ihn mit sich umher trägt, dann kann man auch gerne mal wieder ein "Tool" herausnehmen und anwenden, oder aber ganz aus seinem Werkzeugkasten verbannen, wenn es nicht mehr zur Verwendung taugt.

    Alles Liebe für euch!

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