Was macht einen “guten Reiter” aus?

Schon vor vielen Wochen hat mich eine Bekannte gefragt: Was macht für dich eigentlich einen guten Reiter aus?
Ich muss zugeben, so einfach ist die Antwort nicht.

Hätte sie mir die Frage vor ein paar Jahren gestellt, würde ich sagen: Ein guter Reiter kann alles aussitzen. Er kann sein Pferd in jeder Situation kontrollieren, hat einen tollen Sitz, hat keine Angst, hat sein Pferd womöglich bis in hohe Lektionen ausgebildet.

Heute sehe ich das ein bisschen anders.
Natürlich ist es beeindruckend, Zuschauer ganz hoher Dressur zu sein. Mich hat daran immer schon beeindruckt, dass die Hilfen scheinbar kaum sichtbar gegeben werden, und Pferd und Reiter eine sprichwörtliche Einheit bilden.
Dieses Bild einer Einheit gehört für mich aber nicht mehr nur ins Dressurviereck oder atemraubende Geländestrecken auf denen die Pferde für ihren Reiter einfach alles geben und sich mit ihrer ganzen Kraft ständig für ihren Menschen selbst in Gefahr begeben.
Eine Einheit mit dem Pferd werden. Das fängt für mich direkt im Umgang mit dem Pferd an. Wenn niemand zusieht, wenn niemand an der Bande steht und bewertet, wenn man ausschließlich dem Pferd selbst gefallen will.

Deshalb formuliere ich neu: Was macht für mich eigentlich einen guten Pferde-Menschen aus?

Ich stelle mir die Fragen: Wer will ich für mein Pferd sein? Wie soll es mich sehen? Was möchte ich zusammen mit meinem Pferd erreichen? Was hat für mich oberste Priorität?
Da wird es auf einmal ganz kniffelig. Woher soll man wissen, wie das Pferd einen sieht?

Ein guter Pferde-Mensch sieht ständig in den Spiegel. Damit meine ich, er versucht sich vorzustellen wie sein Verhalten auf das Tier wirkt. Wie er sich selbst sieht. Das eigene Verhalten zu reflektieren ist einfach, wenn man nur das Ergebnis betrachtet.
Salopp gesagt: Ausgangssituation: Pferd macht nicht was ich will. -> Ergebnis: Pferd macht was ich will.
Ziel erreicht, Problem gelöst. Ich bin ein guter Reiter.

Wenn jedoch der Weg das Ziel ist, und ich die Beziehung zum Pferd nur auf dem Weg formen kann, dann ist es furchtbar schwierig. Ich muss mir überlegen, welchen Weg ich gehe. Ich brauche ein Konzept.
Für mich persönlich ist dieses Konzept seit ich Faible habe besonders wichtig geworden, weil mir diese Stute sehr deutlich zu verstehen gegeben hat: So geht’s aber nicht! Ich habe begonnen, mich einzulesen in verschiedene Reitweisen, Trainingsmöglichkeiten, Philosophien anderer Pferde-Menschen. Das ist oftmals sehr ernüchternd und gibt einem das Gefühl je mehr man darüber lernt, desto weniger kann man wirklich gut!
Die persönliche Linie treu und konstant durchzuziehen halte ich inzwischen für besonders wichtig, damit Faible sich darauf verlassen kann, dass ein bestimmtes Verhalten bei mir gelobt wird und (natürlich nur aus meiner Sicht) falsches Verhalten eben ignoriert wird oder ich sie darauf hinweise, dass ich das Verhalten nicht mag. Manchmal ertappe ich mich dabei, in Situationen zu schludern und verpasse meinen Einsatz zu reagieren. Die Quittung bekomme ich dann in der nächsten ähnlichen Situation, in der sich mein gewieftes Pferd daran erinnert, dass ich beim letzten Mal geschludert habe. Mal Hüh mal Hott tut unserer Beziehung also auf Dauer nicht gut, weil Faible dann nicht darauf vertrauen kann, dass ich zu meinem Wort stehe. Daran arbeite ich also Tag für Tag, und mittlerweile habe ich es auch so weit verinnerlicht, dass ich nicht mehr drüber nachdenken muss. Wie in der Herde die Ordnung hergestellt ist, und jeder seinen Platz kennt, so muss auch ich ihr täglich erklären, dass ich auf sie aufpassen kann, und sie sich auf meine Position in unserer kleinen Zweier-Gang verlassen kann. 😉

So komme ich zur nächsten Frage: Ist denn Freundschaft mit dem Pferd möglich, wenn es eine Rangordnung geben muss? Schließen sich Vertrauen und Dominanz aus?

Das Wort Dominanz.
Fragen wir mal Wikipedia.
“Unter Dominanz versteht man in der Biologie (…), dass die einen Individuen gegenüber den anderen Individuen einen höheren sozialen Status haben, worauf letztere unterwürfig reagieren.”
Das klingt nicht gerade so, wie ich mir Freundschaft mit meinem Pferd vorstelle. Nichts desto trotz steckt ein ziemlich dicker Funke Wahrheit in dieser Definition. Natürlich dominiere ich das Pferd, wenn es auf mein Kommando in der Stallgasse endlich mal stehen bleiben soll, anstatt sich von links nach rechts nach links zu drehen. Und ich maße mir an, mich auf seinen Rücken zu setzen und mich von ihm tragen zu lassen, zu entscheiden, wann es in den Pferdehänger geht, und was wir heute wieder für Abenteuer erleben. In welche Richtung wir reiten, wann es Futter gibt, wann angetrabt wird. Natürlich ist das Dominanz. Aber es ist auch natürlich!
Wenn Faible zurück auf die Wiese kommt, geht sie schnurstracks zur Wassertränke und ihr ist ziemlich egal wer da gerade steht und säuft. Die anderen weichen aus, fühlen sich von ihrer Dominanz eingeschüchtert. Ich habe beobachtet, dass ranghohe Pferde auch aus Prinzip gerne am Wasser stehen bleiben, obwohl sie keinen Durst mehr haben. So funktioniert eben eine Herde.

Trotzdem funktioniert “eine Einheit sein” nicht nur, oder vor allem nicht mit Dominanz. Bei genauem Hinsehen fällt das besonders im hohen Sport auf, wenn die Kamera mal auf das Gesicht des Pferdes zoomt. Nach Vertrauen sieht das nicht aus, für mich ist das ganz klar das Ergebnis einer Ausbildung die ausschließlich mit Dominanz funktioniert. Und so möchte ich mein Pferd nicht reiten, so stelle ich mir den Umgang mit diesen tollen Tieren nicht vor.

Das respektvolle, sanfte, liebevolle Wesen der Pferde zu spiegeln, das sollte das Ziel jedes Pferde-Menschen sein. Eine Freundin hat es passend formuliert: “Horsemanship bezieht sich nicht nur auf den Umgang mit dem Pferd. Ein echter Horseman geht ebenso respektvoll und fair mit seinen Mitmenschen um, wie mit seinen Tieren!”. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, und seitdem sie es so klar ausgesprochen hat, sehe ich mir andere Pferde-Menschen auch genauer an. Die Achtung, die sie ihrem Pferd entgegenbringen, die stellt doch eine Grundphilosophie allen Lebewesen gegenüber dar. Es ist ein schöner Gedanke, umso erschreckender, wenn man sich einmal mehr der Missgunst, dem Neid und den Besserwissereien anderer Reiter ausgeliefert sieht.

Ein guter Reiter, so finde ich, lernt von anderen, arbeitet an seinen Fehlern, versteift sich nicht auf eine Reitweise (Viele Wege führen nach Rom!), ist offen für andere Sichtweisen und versucht sein Pferd über seine Körpersprache, seine Laune, sein Gemüt zu lesen.

Es ist ein Fehler, etwas zu tun, weil man es schon immer so getan hat, und weil es alle anderen auch so machen. Und das beziehe ich jetzt ausdrücklich auch auf das Leben außerhalb des Reitstalles. 

Ein guter Reiter ist offen, seinen Horizont zu erweitern, Fehlern ins Gesicht zu blicken und es anschließend besser zu wissen. Neues Wissen bedeutet natürlich nicht, dass man jetzt etwas perfekt macht, aber es bedeutet einen Fortschritt. Ich sehe gute Reiter in der Verantwortung, wenn sie etwas neues über ihr Pferd gelernt haben (sei es über optimierte Haltungsbedingungen, Reitweisen, Biomechanik, Herdenverhalten, …) auch den Mut zu beweisen das Wissen auf ihren Alltag zu übertragen und gegen den Strom zu schwimmen, wenn alle anderen auf Traditionen pochen.

Nicht auffallen, nur um keine Gegenmeinung hören zu müssen, scheint im Reitsport oberste Devise zu sein. Der Gebrauch einzelner Hilfsmittel beispielsweise mag in Einzelfällen sinnvoll zu sein. Doch den meisten ist nicht bewusst, dass sie sich (in meinem Lieblingsfall “Metall im Maul“) FÜR ein Gebiss im Pferdemaul entscheiden, wenn sie sich gegen eine gebisslose Variante entscheiden.

Ob man damit, wie ich zu Beginn geschrieben habe, seinem Pferd allerdings gefällt, wenn man einfach mit der Masse schwimmt, halte ich für fragwürdig.

Aus der Sicht des Pferdes ist ein guter Mensch für sie wahrscheinlich einer der konsequent und fair mit ihnen umgeht, der ehrlich ist (dazu gehören auch unsere Macken und Fehler), und sich nicht verstellt. Das ist nämlich etwas, das Pferde niemals machen, wenn man sie Pferd sein lässt – sich verstellen. Ein stolzes Pferd hat eine Meinung, zeigt uns durchaus was es von uns hält und drückt uns täglich einen Spiegel vors Gesicht. Ob man reinschaut und ob einem gefällt, was man sieht, das gilt es als guter Reiter jedes Mal aufs Neue für sich zu entscheiden.

3 Antworten zu “Was macht einen “guten Reiter” aus?

  • find ich alles richtig

  • Ich stimme Dir in allen Punkten zu, eine tolle Zusammenfassung, wie wir Pferdemenschen sein sollten. Oft geht es zu sehr um die Erfolge und zu wenig um das Pferd. Schön, dass es Menschen gibt, wie Dich, die das anders sehen und mit ihrem Pferd so respektvoll umgehen 🙂 Liebe Grüße, Petra

  • Vielen Dank liebe Petra! "Erfolg" ist ein gutes Stichwort. Wem wollen wir was beweisen? Wessen Anerkennung ist uns wichtig? Schön, dass sich unsere Wege kreuzen, ich werde jetzt öfter auf deiner Seite vorbeischauen! 🙂

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