Vom alten Eisen zum weißen Tänzer.

Als ich im Januar in Südafrika angekommen bin stand ein alter Bekannter bei meinen Freunden auf der Wiese. Favory Cypria heißt der hübsche Kerl. Er darf seinen Lebensabend nach vielen Jahren der treuen Dienste als Lipizzaner in Johannesburg (in einer Art “Zweigstelle” der Wiener Hofreitschule) nun hier verbringen. Dort hatte ich vor fünf Jahren auf ihm reiten dürfen. Dazu zählte nicht das Putzen und ihn am Boden kennenzulernen. Der einzigen Umgang, den wir damals hatten, beschränkte sich auf die Arbeit unter dem Sattel. Man erzählte mir, dass er relativ dünn und glanzlos im vergangenen Mai hier eintraf und ihn die fest umzäunten Paddocks sehr unruhig machen – deshalb bekommt er bis heute immer ein mit dünnem Band abgesteckten Bereich auf der Wiese.

Weil seine Extrawiese ungünstiger Weise den Eingang zum Roundpen umfasst, muss ich mir Hilfe holen, wenn ich mit Jack dort arbeiten will, damit die zwei Jungs nicht unkontrolliert aufeinander treffen.

Vor zwei Tagen wollte ich also wieder mit Jack arbeiten, und fand niemanden, der mir Cypria kurz auf Abstand halten würde. Getreu meinem Motto mich wie weißes Papier zu verhalten, und anzunehmen, was so an Farbe auf mich zu kommt, habe ich die Kamera installiert und kurz darauf das Tor zum Roundpen geöffnet.

Hallo, da bin ich. Was nun?

Nach wenigen Augenblicken stand Cypria neben mir. Wir lernten uns endlich “richtig” kennen und ich erklärte ihm in Ruhe das Sytem der positiven Verstärkung mit dem Clicker. Er baute in kürzester Zeit unglaublich viel Energie auf, galoppierte und tanzte um mich herum, flitze zurück auf sein Paddock, nur um Sekunden später wieder auf mich zu zu traben und mir zu zeigen was für ein toller Kerl er ist. War er zu Beginn noch unglaublich kopfscheu, so ließ er sich schon nach wenigen Minuten an der Stirn kraulen. Mir ging das Herz auf, ihn so fröhlich und ausgelassen zu sehen. Ich finde er hat kein bisschen von seinem Stolz verloren, mit dem er vergangenes Jahr noch das Ballett der weißen Hengste tanzte. Eher im Gegenteil!

Mir war besonders wichtig das Tor zu seinem Paddock die gesamte Zeit offen zu lassen, um in selbst entscheiden zu lassen, ob er mit mir arbeiten möchte oder nicht. Wenn ich mir die Videoschnipsel ansehe, so ist er zu beinahe jeder Sekunde mit seinen Ohren bei mir, liest meine Körpersprache. Das haut mich einfach um, weil ich mit Jack ja am Anfang die Erfahrung gemacht habe, dass ich mit sehr viel Geduld auf seine Aufmerksamkeit warten muss.

Aufmerksam beobachtet mich Cypria. Er ist voller Energie und Lebensfreude!

Als ich gestern zum zweiten Mal das Tor zum Spielplatz öffnete, trabte er sogar hinein. Es blitze in seinen Augen und er ließ sich sofort auf mich ein. Ich musste ein bisschen mehr auf meinen Sicherheitsabstand bestehen, und er trabte fleißig und achtsam neben mir, es war unglaublich. Auf den Bildern fällt mir auf, wie ähnlich unsere Körperhaltung ist. Ich versuchte ihm und mir ein bisschen Abwechslung zu bieten, und wechselte zwischendurch immer mal wieder auf seinen Paddock und den Roundpen. Wir fuhren unsere Energie rauf und wieder runter, es war ein Wechselspiel zwischen uns, und ich habe mich sehr wohl neben ihm gefühlt. Beendet habe ich unsere Einheit, indem ich ihn ausgiebig an Schulter und Brust gekrault habe. Nach kurzem Nüstern zum Schluss überließ ich ihm seinen Paddock wieder für sich und schlenderte glücklich zu den anderen Pferden, die unser Spiel beobachtet hatten.

Geritten bin ich Cypria auch schon vor ein paar Tagen, und zwar (für ihn zum ersten Mal) ohne ein Gebiss in seinem Maul. Ich habe mich für das Glücksrad entschieden, weil das meiner Erfahrung nach sowohl für die typischen “Englisch-Reiter”, als auch für die Pferde, die Möglichkeit der schnellen Gewöhnung an den neuen Zaum bietet. Da auch für meine Freunde hier in Südafrika das gebisslose Reiten teilweise Neuland ist, birgt das Glücksrad in seiner einfachen Handhabung eine große Chance, vielleicht eine Alternative zu haben, und sich für andere Reitweisen zu öffnen. Für mich ist es jedenfalls eine tolle Erfahrung, auf ganz verschiedenen Ebenen mit diesem schönen Pferd zu arbeiten. Sofern man es Arbeit nennen darf, wenn ich dabei mein Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekomme!

Weil es so schön war hänge ich noch ein paar Bilder an:

Hier kann man schön erkennen, dass er jede Angst vor der Fahne verloren hat.

 

Spielen findet er ziemlich gut! 🙂
 
Hier fliegt er gerade zu seinem Wassertrog auf dem Paddock…

 

…um kurz zu trinken und sofort zu mir zurück zu galoppieren!

 

Auch dieser Freundensprung kam aus dem Nichts. Gerade hat er noch so getan als würde ihn das Gras mehr interessieren als ich.. und plötzlich dreht er sich um und hüpft los!

 

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