Stärke zeigen!

Der Verlauf der Veränderungen in meiner Beziehung zu Faible ist für mich schwer in Worte zu fassen. Meinen engen Freunden habe ich versucht zu erklären, was sich gerade in den letzten Wochen bei uns getan hat. Diejenigen, die uns beide schon länger kennen, die können unsere Veränderungen in unserem Miteinander sehen. Vielleicht sogar deutlicher, als ich sie bemerken und beschreiben kann.

Anfangs war ich die Bittstellerin. Zwischenzeitlich war ich die Chefin. Auch oft habe ich mich in der Rolle der Bettlerin wiedergefunden. Manchmal war ich sogar Sklavin. Gefangen in meinen hohen Erwartungen an eine perfekte Beziehung zwischen Mensch und Pferd. Verletzt, verärgert, verwundert, verwirrt, verkopft, verliebt.

Faible war in meinen wilden Ausflügen in verschiedenen Kostümen eigentlich immer Faible. Faible die freiheitsliebende und trotzdem verantwortungsbewusste, stolze Leitstute. Ein Pferd, welches sich selbst für keine Androhung der Welt verdrehen würde. Ein Pferd, das nicht bereit ist eine Rolle zu übernehmen, die seinem Wesen nicht gerecht werden kann. Ein so starkes Pferd, dass ich keine Chance gehabt hätte sie mit Kraft zu meinem Freund zu machen. Sie zeigte es mir von Anfang an, und doch brauchte ich meine Zeit, bis ich ihre Nachricht begriff: Das sind nicht wir, das bin nicht ich.

Immer wieder versuchte ich Stärke zu zeigen, ohne dabei auf meine eigenen Stärken zu achten. Stärke als ein Machtbegriff, ein „lauter sein als der andere“. Und wenn es nur ein kleines bisschen übertönt, was das Gegenüber zu sagen hat.

Mir fiel auf, dass ich Faibles Stärken all die Zeit als Baustellen betrachtet habe. Ihr Wille mir ihre Meinung zu meiner Arbeit mitzuteilen (gerade auch den Teil mit dem sie nicht einverstanden war), ihre unglaubliche Power und ihren Ehrgeiz in der gemeinsamen Arbeit. Ihre starke Persönlichkeit, ihren Trieb die Dinge auch mal selbst in die Hand nehmen zu wollen und einen Teil der Verantwortung selbst zu tragen.

Die von anderen definierte Stärke stimmt mit meiner Stärke gar nicht überein. “Stärke zeigen“… Was für ein fahrlässiges Wortspiel!

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Foto: Katja Danielski

Ich durfte lernen: Starke Menschen sind nicht stärker, weil sie andere Menschen und Tiere dominieren können. Sie sind nicht stärker, weil sie andere schwächer als sich selbst dastehen lassen. Ganz im Gegenteil.

Starke Menschen haben die Gabe andere zu stärken!

Und so begann ich endlich damit Faible und mich selbst nicht mehr verändern zu wollen, sondern unsere Stärken zu sehen und diese auch als unsere Stärken anzunehmen. Ganz ohne Angst vor allgemein vermuteten Konsequenzen, dass ich dadurch womöglich mein zu starkes Pferd nicht mehr kontrollieren könnte. Meine Enttäuschungen über das was Faible und ich nicht können wichen langsam Freude und Dankbarkeit über all das was wir beide gut können.

Sensibel sein ist keine Schwäche, wenn man es nicht als Schwäche ansieht. „Du bist viel zu emotional, du nimmst dir das viel zu sehr zu Herzen!“ Sätze wie diesen bekam ich oft zu hören. Als wäre das etwas schlechtes, wenn man sich in sein Gegenüber hineinversetzen möchte. Wenn man mitfühlend ist und bemerkt, dass man sich und sein Pferd in anderen Rollen viel schöner findet, als es einem jahrelang von Außenstehenden erklärt wurde.

Wer uns auf bei Facebook folgt und dort meine Texte kennt, der weiß von Experimenten wie der „Wegdrehtür“ und meiner Entscheidung ein „Nein!“ meines Pferdes auch mal stehen zu lassen und mich in Geduld zu üben, um auf ihr „Ja!“ zu warten, einen anderen Vorschlag zu machen oder von ihr zu hören. Und entgegen aller Vernunft aus 17 Jahren Dominanztheorie und „Setz dich durch!“ hat sich diese Entscheidung für uns als eine Befreiung entpuppt und unsere Motivation zu mehr Einsatz für den anderen deutlich gesteigert.

Ich schreibe diesen Text nicht, weil ich unseren Weg auch für andere als passend bezeichnen würde. So wie Faible und ich sind, so kann niemand sonst mit seinem Pferd sein. Jedes Pferd und jeder Mensch hat andere Stärken und Schwächen, und nicht jeder muss unseren Weg befürworten und abnicken. Aber ich möchte euch mit diesem Text dazu ermuntern an euch und an euren Pferden Stärken zu erkennen, die womöglich nicht für jeden offensichtlich „stark” sind. Ich möchte euch bestärken eure eigenen Stärken anzunehmen und auch mal bedingungslos auf eure Pferde zu schauen und ihre Stärken zu schätzen.

Jemanden zu (be-)stärken und damit seine Stärken herauszuarbeiten, das macht euch auch selbst viel stärker – versprochen! ♥

4 Antworten zu “Stärke zeigen!

  • Hallo Miriam,
    ich bin durch eine Freundin aus meinem Stall auf deinen Blog aufmerksam geworden. Ich hab mir noch gar nicht viele Texte von dir durch gelesen aber ich finde diesen hier sehr schön geschrieben. Ich habe mich da so wieder erkannt und ich finde es schön zu sehen, dass es noch mehr Menschen gibt, die ihr Pferd mit anderen Augen sehen. Mach weiter so =) Ich freue mich total noch mehr von euch zu lesen 🙂
    LG Julia

  • Hallo Miriam,
    ich bin schon ein begeisteter Fan deiner Instagram-Seite und hab es jetzt erst (wieder) geschafft auf deinen Blog zu kommen! Ich finde es so toll wie weit ihr mit der positiven Verstärkung gekommen seit, das ich schon fleißig am lesen bin um Ceron und mich auch auf diesen Weg zu bringen. Du hast vollkommen Recht unsere Stärken zu nutzen. Mich hat es einige Gedanken und Minuten gekostet bis ich wusste, was wir beiden wirklich gut können und es war nicht leicht, aber umso mehr ich drüber nachgedacht habe, desto mehr kamen unsere Stärken raus! Vielen Dank dafür! Und auch für die vielen anderen Texte, die mich immer zum Nachdenken anregen!
    Mach weiter so!

    Liebe Grüße Marie & Ceron

    • Liebe Marie,

      ich habe mich sehr über deine lieben Worte gefreut! Ich hoffe du schaust jetzt öfter hier vorbei.. ♡ Wenn du meinen Newsletter abonnierst bekommst du auch die neuen Artikel und ein paar interne Informationen immer zeitig ins Postfach! 🙂 LG Miri

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