Sanftheit bringt Sanftheit – oder “das Energieproblem”?

Als ich Faible vor zwei Jahren kennengelernte, war sie eine richtig wilde Hummel. Wenn wir davon ausgehen, dass die Energieskala von 0-10 geht, war Faible immer mindestens eine 8 wenn ich bei ihr war. Sie konnte nicht ruhig stehen, riss das ein oder andere Halfter kaputt, zappelte und tänzelte auf der Stelle. Sie war ständig übereifrig, wusste nicht wohin sie ihre Energie entladen konnte und stand immer unter Strom.

Ich habe über Monate versucht, ihr ein geeigneter Ruhepol zu sein, und sie damit zu beruhigen. Das hat erst mal gar nicht geklappt, nach und nach wurde es aber dann endlich besser. Ganz langsam, Stück für Stück. Wildes Rumgezappel meinerseits, wenn sie aufdrehte, trug nur dazu bei, dass sie sich in ihre Panik immer weiter reinsteigerte. Unzählige Male haben wir uns beide bei gemeinsamen Spaziergängen angerempelt, meine Zehen waren ständig blau! Ich musste erst herausfinden, wie ich ihr in schwierigen Situationen am besten helfen konnte.

Von mehreren Seiten habe ich von der “10er-Regel” gehört. Die besagt, dass man dem Pferd immer so viel Energie entgegenbringen soll, dass am Ende eine 10 entsteht. Das bedeutet also, wenn mein Pferd eine lahme 2 ist, soll ich mit hoher Energie (=also 8) mit dem Pferd umgehen, damit wir im “Gleichgewicht” sind und die 10 erreichen.

Soweit die Theorie, die mir zuerst ziemlich schlüssig erschien. Ist Faible zu langsam, schicke ich mehr Energie um sie anzutreiben, ist sie ein bisschen zu schnell fahre ich meine Energie runter um sie zu bremsen. Wenn ich ehrlich bin, passiert das meinstens so auch ganz automatisch bei uns. Jetzt hab ich aber ziemlich lange darüber nachgedacht, ob die 10 tatsächlich das Gleichgewicht ist. Vielleicht habe ich auch die Theorie nicht richtig verstanden – wie auch immer, ich bin zu folgenden Gedanken gekommen:

Für mich ist die 10 nicht das Ziel. Vor ein paar Tagen kam mir Faible auf der Wiese schon fast bis zum Tor entgegen, ließ sich aufhalftern und ging gemütlich mit mir zum Stall. Ihre Energie war irgendwo zwischen 1 und 2, meine Energie vielleicht bei 3 oder 4. Ich band sie im Stall an, an einer Stelle die sie noch nicht so gut kennt und wo es ganz viel zu entdecken gibt. Sie wurde zappelig, beruhigte sich aber sehr schnell wieder, nachdem ich – zugegeben – etwas ruhiger war als sie (=Gleichgewicht?).

Jetzt ist es aber so, dass mein Pferd, sobald es vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe steht, die Energie nicht wie noch vor zwei Jahren total hochfährt, sondern auch ab und zu ganz runter fährt. Komme ich jetzt mit der “für 10” aufgerundeten Zahl um die Ecke, kommen wir leider nicht wie erhofft ins Gleichgewicht, sondern machen entweder einen gewaltigen Schritt in die falsche Richtung oder wir stehen genau da, wo wir am Anfang der Aufgabe auch standen. Besser klappt es, wenn ich – egal ob sie gerade eine 1 oder eine 9 ist – immer ganz klein anfange und mich langsam steigere, also vorsichtig anfrage und dann die Energie schrittweise erhöhe. Mein einziges Problem dabei ist wie so oft die Geduld. Es gibt diese Situationen, in denen man sich sehr beherrschen muss, weil man sich denkt: “Das KANN das Pferd doch!” Dann fährt unbewusst die Energie blitzschnell hoch, und aus einer angepeilten 10 wird schnell eine 20 – und ein Schuss in den Ofen.

Viel mehr Erfolg habe ich, wenn ich mich daran erinnere, wie sanft Pferde sein können, und ich versuche diese Sanftheit zu spiegeln. Wenn man sich diese Zeit nimmt, in Ruhe mit dem Pferd umzugehen, spart man sich genau diese Zeit, wenn es wieder zu einer kniffeligen Situation kommt. Das Gleichgewicht kann für mich genauso bei 1 und 1 bestehen, oder aber auch wenn wir beide eine ausgelassene 10 sind und zusammen über Felder rennen.

Seitdem ich sanft und trotzdem konsequent in meinem Handeln bin, und sich diese beiden Begriffe in meinem Gedankenwirrwarr nicht mehr ausschließen, sondern ganz wunderbar ergänzen, geht es wieder in großen Schritten bergauf. Sanft zu sein müssen Pferde nicht lernen. Es liegt an uns zuzulassen, dass sie ihre sanfte Seite zeigen dürfen und wir sie darin bestärken, ganz leise und vorsichtig mit uns zu kommunizieren.

3 Antworten zu “Sanftheit bringt Sanftheit – oder “das Energieproblem”?

  • Sehr schön… und man glaubt garnicht, wie viel besser man sich selbst nach einiger Zeit fühlt, wenn man mit Sanftmut auf sein Pferdchen zugeht… Ich finde es ja beeindruckend, wie viel wir von den lieben Vierbeinern lernen können 🙂

    Und die 10er Regelung finde ich interessant, hatte bisher noch nicht davon gehört. Wenn ich so drüber nachdenke, gehen Herr Pony und ich aber schon oft genau so vor. Wobei er da wirklich meist bei 2 steht und ich mich anstrengen darf 😀

    Allerliebste Grüße!!

  • Was für ein schicker Pferdeblog, den ich eben erst für mich entdeckt habe 🙂 Ich liebe den Gedanken, dass die Pferde uns die Sanftmut lehren können. Dass wir ihnen beibriungen können, sanft mit uns zu sein, weil wir sie entsprechend achten. Ein sehr schöner Post! Ich kannte die 10er Regel noch nicht. Ich glaube, dass Du Recht hast mit dem "steigern" von Energie. Je zappeliger das Pferd, desto niedriger muss mein Anfang sein, nehme ich an. Auch wenn sie auf den ersten Blick sehr logisch scheint, wie Du schreibst. Ist sie vermutlich ( wie alle Regeln) nicht immer in jeder Situation die Richtige. Denn eigentlich ist es doch auch ganz schön, wenn man gemeinsam auf dem gleichen Energielevel ist und manchmal darf das dann auch eine ruhige "1" sein. Ich mag den Gedanken sehr! Liebe Grüße, Petra

  • Hallo,
    ich kenne eine andere Art der Energie-Rechnung. Bei der gleichst du dich der Energie deines Pferdes an statt ausgleichen zu wollen. Mit meinem Projektwallach funktioniert das auch prima. Er ist prinzipiell eine 1. Maximal eine 2 🙂 Wenn ich da jetzt als 8 oder 9 angeschneit kommen würde, bekäme ich einen bösen Blick, angelegte Ohren, einen schlagenden Schweif und von seiner Seite noch deutlich weniger Engagement (also eine 0,5). Hochenergetisch störe ich seine ruhigen Kreise. Geht mir persönlich auch so mit extrovertierten, energiegeladenen, wuselnden Menschen. Passe ich mich aber seinem niedrigen Level an, finden wir zusammen dort Harmonie. Und von der Basis können wir dann in Richtung mehr Energie arbeiten. VG! Nadja

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