Warum reisen wir? Meine Begegnung mit Sam in Kapstadt.

„Ich liebe an Pferden ihre Art zu sprechen. Sie sind sehr sanft, wenn du ihnen sanft begegnest. Wenn du ihnen eine Frage stellst, beantworten sie sie dir so, wie du sie gestellt hast. Fragst du hart, wirst du eine harte Antwort bekommen.“

Sams Augen strahlen, während er mir von seinem Weg mit Pferden erzählt. Wir sitzen zusammen in der warmen Abendsonne Kapstadts auf dem Boden, neben uns zupft einer seiner Schützlinge genüsslich das kurze Gras. „Mit Pferden ist es ähnlich wie mit einem Auto. Wenn man direkt in den fünften Gang schaltet, wird man nicht weit kommen. Wenn man behutsam den ersten Gang einlegt, wird das Auto langsam anfahren. Die nächsten Gänge müssen ebenfalls nacheinander eingelegt werden, damit man entspannt und sicher an sein Ziel kommt.“

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Als jüngstes Kind von 11 Geschwistern ist der inzwischen 29 jährige Sam mit Eseln, Rindern und Pferden groß geworden. In seinem Heimatland Simbabwe werden Pferde als Transportmittel genutzt. Kaum einer hält Pferde bloß, weil er sie so gern hat. Sam erzählt mir, dass er den Tieren bis zu seiner Arbeit als Pferdepfleger in Kapstadt nur wenig Beachtung geschenkt hat. Seine Landsleute wüssten sehr wenig über die Sprache der Pferde. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf lief Sam schon als kleiner Junge weite Strecken in beeindruckend schnellen Zeiten zu Fuß. „Wenn man einfach lebt, kann man die einfachen Dinge besonders gut!“

Er war gerade 18, als er zum ersten Mal sein Glück in Kapstadt suchte. „Eigentlich wollte ich meine Schulausbildung beenden, aber ich hatte nicht genügend Geld.“ Mit ein paar älteren Freunden machte sich Sam auf die Reise in den Süden, weil das Überleben in einem wirtschaftlich und politisch stark in Mitleidenschaft geratenen Land wie Simbabwe aussichtslos scheint. Es winken Arbeit und Geld, doch die Realität sieht weniger rosig aus. Sam arbeitete gewissenhaft als Gärtner, baute Häuser und erzählt mir, er erledige jede ihm aufgetragene Arbeit sehr sorgfältig. Mein Blick schweift hinüber in die Pferdeställe, in denen die Einstreu perfekt als Quadrat geordnet in der großen Box neben dem fein säuberlich getrennten Heuhaufen liegt, und ich muss grinsen.

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Sein kleines Häuschen im Township habe er selbst gebaut erzählt er, als sei das kein großer Akt. Seine Frau und seine kleine Tochter leben dort seit Kurzem gemeinsam mit ihm. Ihr Umzug aus Simbabwe hat ihn sehr viel Geld gekostet. „Ich wollte erst schauen, ob ich ihnen hier ein sicheres Leben bieten kann, deshalb habe ich sie erst jetzt hierher gebracht. Sonst habe ich sie nur einmal im Jahr für wenige Wochen gesehen.“

Da ist sie wieder, die Flüchtlingskrise, von der ich auf meiner Reise ein bisschen Abstand gewinnen wollte. In Deutschland regen sich „besorgte Bürger“ über allein reisende, männliche Flüchtlinge auf, und hier sitze ich mit Sam im Gras und schaue mir die Fotos von seiner Frau und der kleinen Anni an. Wie kann man glauben, einem jungen Vater würde es leicht fallen, seine Familie allein zu lassen? Wie kann man nicht nachvollziehen, dass er sie erst dann zu sich holen will, wenn ein sicherer Ort gefunden ist? Im Fall von Sam und seiner Familie ist auch die Sicherheit in Kapstadt nicht garantiert. Immer wieder kommt es zu teilweise tödlichen Ausschreitungen und Anfeindungen im Township, weil einige Südafrikaner die eingereisten Menschen aus Simbabwe, Malawi und anderen Flüchtlingsländern nicht neben sich dulden. Schon mehr als einmal musste Sam seine Familie zu seiner Arbeitsstelle bringen, um dort für einige Tage neben den Pferden Asyl zu bekommen. Darüber muss ich lange nachdenken. Wer so lebt wird genau wissen, wovor er flüchtet.

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Wir schweifen wieder zurück zu den Pferden. Für Sam war Trainer Jenku Dietrichsen der berühmte Stein, der etwas ins Rollen gebracht hat. Seine kreativen Interpretationen von Natural Horsemanship und Clickertraining hat Sam gezeigt, wie vielfältig man mit Pferden arbeiten kann, wie Pferde lernen und was es für Unterschiede in Trainingsmethoden gibt. „Wir sollten alle voneinander lernen. Manche Menschen haben neue Ideen und die müssen wir uns ansehen. Wenn uns etwas davon gefällt, sollten wir keine Angst haben, es unserem eigenen Training hinzuzufügen oder alte Methoden zu überdenken.“ Immer wieder erzählt er mir, dass er die Trainings-DVD von Philippe Karl gesehen hat, und sehr beeindruckt von seiner Reiterei sei. Umso mehr überrascht mich, dass sein großer Traum die Springreiterei ist. „Irgendwann werde ich auch bei einem Springturnier starten. Das weiß ich ganz sicher!“

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Auch von meiner Philosophie möchte Sam in Zukunft etwas für seine Arbeit mit Pferden mitnehmen. Während unserer gemeinsamen Zeit haben wir an der Freiwilligkeit seiner Schützlinge gearbeitet. Der junge Cash wurde mir als sehr motiviert, aber auch frech und ungestüm vorgestellt. Ich beobachtete ihre gemeinsame Arbeit und empfand Cashs „Nein“ nicht als Arbeitsverweigerung, sondern sehr deutlich als Wunsch nach mehr Mitbestimmung. Besonders in energetisch stärkeren Sequenzen wie dem nebeneinander Traben und Galoppieren trat Cash in Sams Richtung oder legte energisch die Ohren an. Bei genauerer Betrachtung war das jedoch immer die gleichwertige Antwort auf Sams Frage, wenn dieser mit der Gerte Druck machte und Cash das Traben oder Galoppieren nicht eröffnete, sondern es ihm befahl.

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„Just in case“

Wir nutzen Hilfsmittel, um uns vor unerwünschten Entscheidungen des Pferdes zu wappnen. „Just in case“ nehmen wir die Gerte doch mal lieber zur Hilfe, es könnte ja sein, dass sich das Pferd gegen uns entscheidet. Die Blöße möchten wir uns vor anderen, aber gerade auch vor uns selbst lieber nicht geben. Und „just in case“ antwortet uns das Pferd deshalb lieber auch mit einem Warntritt in die Luft und angelegten Ohren, um den Sicherheitsabstand ebenso zu wahren, wie wir ihn dem Pferd selbst vermitteln.

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Ich regte Sam dazu an, es mal ganz ohne die üblichen Hilfsmittel zu versuchen, im Vertrauen darauf, dass das Pferd die Lösung kennt und gerne selbst mitarbeiten möchte. Die Veränderungen waren wunderschön anzusehen. Anstatt die Lektion „gemeinsam Traben“ mit der Gerte durchzusetzen und am Ende mit dem Clicker als „geschafft“ abzuhaken, ermutigte ich Sam das gemeinsame Erlebnis als solches zu beloben, nicht den Abschluss der Lektion. Was von Außen ähnlich ausschauen mag, hält doch für die Psyche von Pferd und Mensch eine erhebliche Veränderung bereit. Cash trat weder in Sams Richtung, noch legte er die Ohren an. Stattdessen fiel er von alleine in die höheren Gangarten und spiegelte Sams Körpersprache. Er genoss Sams Vertrauen in seine Fähigkeiten und nahm ihm viele Fragen vorweg. Mir fällt der Satz einer Pferdefrau aus Deutschland ein, die ich seit einigen Wochen begleiten darf: „Ich bin oft so stiefmütterlich mit meiner Stute. Dann denke ich, die kurze Antwort reicht schon, oder mein Pferd hat die Frage nicht verstanden, dabei nehme ich ihr in Wirklichkeit die Möglichkeit, mir zu zeigen, dass sie schon viel mehr aus eigenem Antrieb kann, als ich ihr zutraue!“ Sam hat Cash zeigen lassen, zu was er an dem Tag fähig war. Bei genauem Hinschauen hat er sicherlich auch Sams breites Grinsen gespiegelt, da bin ich mir ganz sicher!

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Mit einem anderen, deutlich größeren Wallach trainiert Sam seit einigen Wochen ganz alleine mit dem Clicker. „In erster Linie arbeite ich mit ihm, damit die tägliche Pflege nicht mehr so stressig ist!“ Der Wallach neigt dazu zu beißen und trat anfangs auch gezielt nach Menschen. Inzwischen ist er im Umgang schon wesentlich ruhiger geworden, dem Clicker sei Dank, wie mir Sam erzählt. An unserem letzten gemeinsamen Tag in Kapstadt möchte mir Sam zeigen, wie er mit dem Wallach an einer 20m Longe arbeitet, doch es kommt anders.

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Inspiriert von unserer letzten Einheit mit Cash lässt Sam Longe, Halfter und Peitsche am Rand des Platzes liegen und arbeitet zum ersten Mal ganz frei mit dem Pferd. Was folgt ist mehr ein Tanz als „Arbeit“. Ich kann mich gar nicht sattsehen an dem Zusammenspiel von Pferd und Mensch. Die Wahlmöglichkeit gegen die Zusammenarbeit mit Sam lässt das Ja des Wallachs umso schöner aussehen. Der Tanz erinnert mich an das, was ich mir für meine Arbeit mit meiner Stute so sehr wünsche.

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Ich bin der festen Überzeugung, dass die Verbindung der Beiden so schön anzusehen war, weil Sam ganz „nackt“ mit dem Pferd gearbeitet hat. Weil er annehmen musste, was der Wallach ihm anbieten wollte, und weil dieser vom Platz hätte laufen können, wenn es ihm zu viel geworden wäre. Mit diesem Wissen hat Sam noch behutsamer agiert und viel mehr Wert auf die Aussagen des Pferdes gelegt. Gerade weil es in seinem Leben erfahren musste, wie Menschen ihre Macht über Pferde ausnutzen können, war es ein symbolisches „Waffen niederlegen“.

Von „Make it happen“ zu „let it happen“ ist der Weg gar nicht so weit. Man muss sich nur trauen dem Pferd einen Teil der großen Verantwortung abzugeben.

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Unser langes Gespräch endet, wo es begonnen hat, in Geschichten über Sams Heimatland Simbabwe. Wunderschön sei es dort. Er hat auf der Jagd nach wilden Tieren das echte, ursprüngliche Afrika erlebt. „Da muss man ewig dran bleiben und braucht einen langen Atem,“ lacht Sam, „außerdem möchte man vor den Löwen bei der Beute sein!“ Ich fühle mich angesichts seiner Erlebnisse wie ein unbeholfener Luxustourist, mit lächerlich kleinen Problemen, von denen Menschen wie Sam nur träumen können.

Zu den Victoria Wasserfällen müsse jeder Mensch mal gereist sein, versichert mir Sam. Er selbst hat die Fälle noch nie mit seinen eigenen Augen gesehen. Die Reise wäre sehr weit und die Unterkünfte seien zu teuer.

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„Grow and see“ bedeutet Sams ursprünglicher Name in seiner Muttersprache Shona, den ich auf meiner Tastatur leider gar nicht schreiben kann. Ob er weiß, wie gut sein Name zu ihm passt?

It was a real pleasure to meet you Sam. I am proud to be part of your own way with horses and I’m glad we can stay in contact because of this powerful thing called internet. Let’s see where your journey leads you!

6 Antworten zu “Warum reisen wir? Meine Begegnung mit Sam in Kapstadt.

  • Wie immer ein toller, inspirierender Artikel!
    Vorallem der Flüchtlingsabschnitt hat mich sehr gerührt. Ich verstehe den Egoismus der Menschen ihr eigenes Land nicht teilen zu wollen jedoch kann ich dem nicht nachempfinden.
    Ich habe das Gefühl deine Sanftheit und Sensibilität durch deine Artikel zu spüren. Es erinnert mich immer wieder daran, selbst Achtsamer in meinem Alltag zu sein.
    Danke dafür dass es dich gibt und du dein Leben mit uns teilst!

    Liebe Grüße

    • Liebe Lisa,

      vielen Dank für deine Nachricht! 🙂 Kommentare wie deiner motivieren mich sehr auch in Zukunft weiter mit Herzblut über das Thema zu schreiben. Ganz liebe Grüße zurück, Miri 🙂

  • Sehr schöner, inspirierender Artikel!
    Es ist schön, anzusehen wie harmonisch alles sein kann. Etwas anderes als das berüchtigte „Ich Chef, du nichts“. Gefällt mir so viel besser und ich freue mich schon sehr auf das Horsebond Seminar 🙂
    Und die Fotos sind auch klasse. Traumhafte Location. Hat der Stall, bei dem du warst, eine Website?

    Liebe Grüße

    • Liebe Sarah,

      der Stall hat keine Webseite, weil er keine Einsteller hat und „nur“ aus vier privaten Pferden besteht. 🙂 Ich freue mich, dich auf dem Horsebond Seminar kennenzulernen, jetzt ist es ja schon gar nicht mehr lang bis dahin! Ganz liebe Grüße, vielen Dank für deinen Kommentar und bis ganz bald! Miri 🙂

  • Ein wunderschöner, tiefgründiger Artikel. Danke, Miri. Deine Worte werden sicher noch lange in mir nachklingen.

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