Reiten mit “feinen Hilfen”

Alleine das Wort “Hilfen” löst Fragezeichen in mir aus.
Da steckt doch bekanntlich das Verb “helfen” drin. Wer hilft hier wem? Ich vermute, ursprünglich sollte der Gedanke feiner Hilfen der sein, sein Pferd durch scheinbar unsichtbare Kommandos und unterstützende Impulse so zu reiten, dass ihm dabei geholfen wird, sich gesund unter dem Reiter zu bewegen. 
Grundsätzlich braucht das Pferd unsere Hilfe nämlich sicherlich nicht. Es kommt super alleine zurecht, weiß sich selbst zu bewegen, muss nicht lernen auf einer gebogenen Linie zu laufen oder in kunstvollen Traversalen den Platz zu queren. In dem Moment wo ich mich aber entscheide das Pferd als Haustier zu halten, komme ich als Mensch in Zugzwang tatsächlich meinem Tier zu helfen. In dem Moment, wo es nicht mehr frei entscheiden kann, durch Wälder und über weite Wiesen zu streifen, ist es auf die Hilfe des Menschen angewiesen. Das fängt dabei an, dass wir ihm Wasser und Futter, sowie eine saubere Umgebung bieten. Wir helfen ihm also beim Überleben.
Damit ist es jedoch nicht getan. Wenn ich mir schon ein Pferd kaufe, und so viel Geld für den Unterhalt ausgebe, dann möchte ich mich natürlich auch auf seinen Rücken setzen! Ob dies fair ist, das ist eine ganz andere Geschichte, darauf komme ich sicher ein andermal zu sprechen. Wichtig ist für mich in diesem Zusammenhang, dass ich meinem Pferd erst einmal dabei helfen muss, mich überhaupt tragen zu können.
Viele Reiter kaufen sich ein junges Pferd und denken, mit der Gewöhnung des Tieres an einen Sattel sei der wichtigste Punkt erledigt, und man kann schnell damit beginnen sich in den Sattel zu setzen und das Pferd von oben zu trainieren (dass dies meist außerdem viel zu früh geschieht, das ist wieder ein anderes Kapitel). 
Viel wichtiger ist es jedoch, das Pferd (welches als solches nicht dazu geschaffen wurde einen Reiter zu tragen) mit effektivem Muskelaufbau- sowie Gleichgewichts-Training erst einmal darauf vorzubereiten mit dem Reiter auf dem Rücken unbeschadet über längere Zeit laufen zu können. Wir müssen dem Pferd also helfen, etwas zu tun, was es ohne uns gar nicht tun müsste – nämlich uns zu tragen. 
In dieser Verantwortung stehen wir alle – wir müssen unsere Pferde so gymnastizieren, dass sie uns unbeschadet tragen können und es ihnen mit uns auf ihrem Rücken über viele Jahre gut geht. Bei den Kosten, die wir für das Pferd tragen, sollte dieser Wille doch wohl in jedem schlummern, oder etwa nicht? 😉
Jetzt möchte ich aber endlich wieder zurück zu den feinen Hilfen des Reiters kommen.
Ist es nicht reiner Selbstbetrug, dem Pferd eine scharfe Kandare ins Maul zu schieben, deren starke Einwirkung nach kleinster kaum sichtbarer Hebelwirkung geschieht? Zuschauer staunen – die Hilfen sind “so fein, dass sie gar nicht sichtbar sind” – und in Wirklichkeit sind die Hilfen so stark, dass das Pferd nach kleinster Bewegung schon parieren muss, um dem Druck nachzugeben. Auch “Hilfszügel” haben aus meiner Sicht in ihrer oft missbräuchlichen Anwendung ihre Bedeutung dem Namen nach verfehlt. Wem helfen sie wirklich? Wer nutzt sie so, dass sie dem Pferd helfen? Ein Pferd lernt durch eine aufgezwungene Kopfhaltung, von einer häufig zu engen, fehlerhaften Verschnallung mal ganz abgesehen, dass es dem Reiter hilflos (!) ausgeliefert ist? Es gibt unzählige Wege dem Pferd geduldig und zuerst auch vom Boden aus beizubringen, wie es sich in Dehnungshaltung trägt und den Zirkel nutzt, ohne dass es Gleichgewichtsprobleme und Haltungsschäden davonträgt.
Das gleiche gilt für mich persönlich für Sporen. Ganz ursprünglich waren sie sicher mal dafür gedacht dem Pferd durch klitzekleine Berührung an einer empfindlichen Stelle der Bauchhaut zu erklären, wie sich das Pferd unter dem Reiter bewegen soll. Ich möchte hier auch nicht ausschließen, dass es verantwortungsvolle Reiter mit ausgesprochen ruhigem Bein gibt, die ihre Sporen ganz bewusst zur “feinen Hilfengebung” einsetzen können. 
Die Realität sieht jedoch ganz anders aus. Sporen sind schick! Es gibt sie inzwischen sogar mit Glitzersternchen, auch für Kinder. Und wer mit Sporen an den Stiefeln reitet, der hat doch wirklich was auf dem Kasten, rein reiterlich gesehen. Oder etwa nicht?
Ich habe mal gelernt, aus Anstand und gutem Benehmen werden Sporen immer vom Stiefel entfernt, wenn man nicht auf dem Pferd sitzt. Keine Frage, das ist reine Etikette und jedem selbst überlassen. Meiner Erfahrung nach tragen aber leider viele Amateur- und Hobbyreiter ihre Sporen als Accessoire statt als unterstützende Hilfe feiner Reitweisen mit sich herum. Und sie nutzen sie auf Pferden, die schon ohne Sporen falsche Hilfen ausbaden müssen, die ihr Reiter aus Unwissenheit und falschem Ehrgeiz auf ihnen ausprobieren. Ich habe mal eine Reiterin auf die kahlen Stellen angesprochen, die genau dort zu sehen waren, an denen sie die Sporen angewendet hat. Noch dazu auf einem Pferd, das altersbedingt nur noch schonend geritten werden durfte, da es durch jahrelange Fehlbelastung ernsthafte Rückenleiden hatte. Wieso müssen bei einem solchen Pferd Sporen benutzt werden, wenn es doch fleißig und willig trotz Unwohlsein versucht, seine Reiterin zu verstehen und ihrem Anspruch gerecht zu werden? Für mich ist das keine Hilfe, weder für Pferd noch für Reiter, und das Wort “Hilfsmittel” reiner Betrug.
Es gibt so viele wichtige Hilfsmittel, die, fein eingesetzt, dem Pferd tatsächlich helfen motiviert mitzuarbeiten und es gesunderhaltend zu trainieren. Besonders gefällt mir momentan die Stimmhilfe, da meine Stute ausgesprochen gerne und willig darauf reagiert. Mittlerweile muss ich mich selbst zügeln, diese Art der Hilfengebung nicht überzustrapazieren, und damit die Wirkungsweise dieser Art der Hilfe abzuschwächen. Ich versuche ein Gleichgewicht zu finden, in dem ich die große Palette an Gewichtshilfen, Schenkelhilfen, Stimmhilfen und zuletzt Zügelhilfen kombiniere, so dass das Training Abwechslung und Spaß bringt. Auch eine kleine Kraul- und Schmusepause, sowohl neben als auch auf dem Pferd, kann helfen, soeben gelerntes oder geleistetes zu verarbeiten und den Kopf frei zu bekommen für neue Aufgaben. Da möchte ich mich als Reiterin nicht ausschließen, auch mir hilft es oft, eine kleine Pause einzulegen und einfach mit meinem Pferd zu sein.
Zu guter Letzt drehe ich das Thema noch einmal um. Pferde können uns helfen. Und wie sie das tun! Mir hilft mein Pferd, an mir selbst zu arbeiten. Es hilft mir geduldiger zu werden. Es hilft mir, einfach mal den Tag zu genießen und meine Sorgen zu vergessen. Es hilft mir dabei, Ziele zu formulieren und daran zu glauben sie auch erreichen zu können. Jeder Reiter weiß, wobei sein Pferd ihm hilft, und wenn wir die Summe dessen nehmen, was die Pferde uns geben, haben wir alle einen großen Ansporn ihnen durch unsere Hilfe auch etwas zurückzugeben.
PS: In eigener Sache: Helft auch mal denen, die sich um eure Pferde kümmern, wenn ihr nicht da seid. Die Wertschätzung derer, die tagtäglich nach euren Pferden sehen, sie auf die Weide bringen und wieder reinholen, euch sofort informieren wenn eure Pferde sich anders verhalten, kommt oft zu kurz. Die große bunte Gemeinschaft in einem Reitstall funktioniert oft nur, weil viele mithelfen. Wenn alle nur Hilfe erwarten, statt sie anzubieten, dann bleibt immer etwas auf der Strecke. Vielleicht auch ohne dass wir etwas davon mitbekommen.

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