Persönlichkeitsentfaltung mit Pferden auf Mallorca.

Als ich über den staubigen Boden die Einfahrt zur Finca von Maxi Fürwentsches entlang laufe, bin ich ganz gespannt was mich erwarten wird. Auf diesem schönen Fleckchen Erde im Süden von Mallorca protzt die Natur an diesem heißen Tag im Mai mit sattem Gelb und Grün.

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Cautiva, PRE Zuchtstute – “Lehrerin für Feingefühl, Achtsamkeit, Verständnis und ‘weniger ist mehr'”.

“Persönlichkeitsentfaltung mit Pferden” lese ich auf dem Schild am Eingang. Klingt zu spannend, um sich nicht mit der Kommunikationstrainerin zu treffen. Ich habe Glück und Maxi lässt mich gleich morgens an einer Einheit mit ihrer Schülerin Stephi teilhaben. Zusammen mit Lehrerin Cautiva, einer bildhübschen PRE Zuchtstute, geht es nach dem Kennenlernen und Putzen auch gleich in den Roundpen.

Dort angekommen hat Cautiva direkt die Idee zu laufen anstatt sich brav von Stephi umhalftern zu lassen. Ihre Entscheidung wird angenommen und Stephi beginnt die Stute im Kreis um sich herum zu schicken. Diese Übung ist ganz klassisches Natural Horsemanship. Die erste Aufgabe besteht darin das Pferd auf dem Zirkel zu halten und ihm nach einigen Minuten einen Richtungswechsel anzuzeigen. Mich überrascht wie sensibel die Stute auf die Körpersprache von Stephi reagiert, obwohl diese bisher noch nicht besonders oft mit Pferden gearbeitet hat. Sobald Cautiva die Unsicherheit bei Stephi bemerkt, übernimmt sie selbst die Verantwortung und entscheidet sich für ihre eigenen Ideen.

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“Komm rein zu mir!” Stephi schickt Cautiva eine Einladung.

Maxi übernimmt bei dieser Arbeit nicht die Hauptrolle des Lehrers, weil ihr die Pferde das direkte Feedback abnehmen. “Pferde nehmen nicht den Umweg über die Logik.” erklärt sie mir und ich fühle mich sofort ertappt. Die Emotionen in uns sind vor den Gedanken da und bei Pferden folgt auf eine Emotion direkt die Reaktion. Bei uns hingegen wird die Reaktion meist durch unsere Gedanken verfälscht und könnte als “nicht ehrlich” bezeichnet werden, eben weil wir die Emotionen nicht gleich ungefiltert hinauslassen. Oft denken wir länger über unsere Emotionen nach und schlucken sie förmlich herunter, weil sie uns als nicht angemessen erscheinen oder wir uns unseren wahren Gefühlen lieber nicht stellen möchten. Wir speichern die Emotionen aber und verarbeiten sie dann später, wenn wir alleine sind – oder sie platzen ungewollt aus uns heraus, weil wir sie so lange unterdrückt haben.

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Stephi testet an, ob Cautiva ihre Nähe zulässt. Der Abstand zwischen den beiden ist der sichtbar gewordene Energiekreis.

Nachdem Stephi durch leises “Trippeln auf der Stelle” in der Mitte des Roundpens die Stute zu einem leichten Trab ermuntert hat, lautet ihre Aufgabe nun die Stute zu sich einzuladen. Das ist gar nicht so einfach, wie wir nach kurzer Zeit sehen können. Stephi ist sehr bemüht und genau das wird ihr hier noch zum Verhängnis. Auf dem Foto spiegelt das Pferd sogar den angespannten Gesichtsausdruck des Menschen, beide haben die Lippen aufeinander gepresst und warten darauf, dass sie sich entspannen können. Sanft testet Stephi an, ob sie Cautiva berühren darf, doch die Stute zeigt ganz deutlich: Dein Energiekreis ist mir noch zu stark. Mich verblüfft wie sichtbar die Energie ist, die von Stephi aus geht. Ich kann genau beobachten, wie sie sich Stück für Stück entspannt, auf die Stute einlässt und diese daraufhin immer näher kommt. Es ist ein berührender Anblick und muss während des Fotografierens immer wieder schmunzeln, weil die Charaktere und Emotionen der beiden so offen, ehrlich und sympathisch vor mir liegen.

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Cautiva schaut noch etwas skeptisch, lässt die Nähe zu Stephi aber zu. Im Laufe der Zeit bauen sich Anspannungen sichtlich ab und die beiden kommen sich noch näher.

An dieser Stelle vielen Dank für dein Vertrauen, liebe Stephi, mich bei deiner Stunde zuschauen zu lassen und noch dazu ein Teil dieses Artikels zu werden.

Nach der Einheit ziehen Maxi und ich uns für eine kleine Pause in die kühle Finca zurück. Dabei erzählt sie mir von ihrer Arbeit mit Menschen und Pferden als Medium zur Kommunikation. Die wichtigsten Themenschwerpunkte sind wohl auch jene die uns immer wieder in unserem Leben beschäftigen werden.

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Ängste. Wir sind ständig mit unseren eigenen Ängsten konfrontiert. Seien es Existenzängste, Ängste aus früher Kindheit, Ängste weil uns bereits etwas schlechtes widerfahren ist, Zukunftsängste, Versagensängste. Die Liste könnte individuell und endlos weitergeführt werden, weil Ängste Teil unseres Alltags sind und unser Leben mitbestimmen. Eine Anekdote aus Maxis Erfahrungen klingt lange in mir nach: Eine Frau legte sich ganz flach auf den Boden, ganz nah an ein Pferd. Völlig schutzlos und ausgeliefert neben einem so schweren, starken und eindrucksvollen Lebewesen. Selbst in mir als Pferdenärrin entfacht der Gedanke an diese Situation ein leichtes Kribbeln im Bauch. Ein fremdes Pferd – direkt über mir. Diese Frau lernte dabei eine für sie ganz wichtige Lektion: Nicht jeder, der Macht über uns hat, nutzt sie aus. Das Pferd blieb ruhig, bekam womöglich sogar eine Art Beschützerinstinkt und wachte über die Frau, die dort am Boden lag. Sich den eigenen Ängsten zu stellen kann schmerzhaft sein, aber es kann auch eine heilende Wirkung haben.

Selbstwertgefühl. “Ich bin nicht gut genug!”, flüstert die leise Stimme in unserem Kopf. Welchen Wert haben wir? Was sind wir anderen wert? Was sind wir uns selbst wert? Sich selbst zu lieben und zum eigenen Ich zu stehen ist wohl eine Lebensaufgabe. Sich nicht zu lieben und wertzuschätzen hemmt hingegen die Fähigkeit zufrieden zu sein. Zufrieden mit uns selbst und mit unserem Leben.

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Liebe. Maxi spricht von “reiner” Liebe. Echter Liebe. Unverfälschter Liebe. Zu lieben, der Liebe wegen, und nicht um ein Ziel zu erreichen und zu bekommen was wir wollen. Selbstlos zu lieben. Jemanden zu lieben, ganz ohne etwas dafür zu erwarten. Kann es schwer sein, wenn es echt ist? Lieben wir oft nur oberflächlich? Über die Liebe zu schreiben würde hier den Rahmen sprengen, für mich ist die Liebe Lebensinhalt und gibt Sinn. Und sie ist überlebenswichtig.

Authentizität. Die vielleicht wichtigste und gleichzeitig schwerste Eigenschaft in der Kommunikation. Wer ist schon authentisch? Wer traut sich zu zeigen wie er wirklich ist? Authentisch sein bedeutet nicht nur zu unseren Schokoladenseiten zu stehen, sondern ganz bewusst auch zu den Schwächen. Authentisch zu sein bedeutet nicht ständig den Weg über den “Emotionsfilter” zu gehen, sondern seine Emotionen auch herauszulassen und zu ihnen zu stehen. Wer authentisch ist, der eckt in unserer Gesellschaft mitunter an, weil Reaktionen als unangebracht angesehen werden können. Doch sowohl im Alltag, als auch in der Arbeit mit Pferden, ist Authentizität ein wertvolles, wenngleich rares Gut. Wer laut ist und Tricks benutzt, und dabei auch sich selbst belügt, der wird sich innerlich wahrscheinlich in einem großen Zwiespalt befinden. Selten trifft man Menschen, die in sich zu ruhen scheinen, weil sie nicht perfekt sein müssen.

Einen weiteren Gedanken möchte ich euch aus meinem Gespräch mit Maxi noch mit auf den Weg geben:

Viele wählen im Leben den für sie schwereren Weg, um anschließend das Gefühl zu haben er sei mehr wert. Die Schlussfolgerung daraus wäre: Ist nur wert wofür man hart gekämpft hat? Wieso machen wir es uns selbst schwer, obwohl wir es in der Hand haben einen leichteren Weg zu gehen? Mich trifft diese Erkenntnis sehr. Muss man erst schwitzen und bluten damit man sich selbst auf die Schulter klopfen darf? Wie viel müssen wir ertragen um uns selbst als wertvoll anzusehen? In uns schlummert so viel ungenutztes, unterdrücktes, unbeachtetes Potential. Wir sollten es erkennen und nutzen – für uns selbst und auch für andere.

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Liebe Maxi, ich danke dir von Herzen, dass du mir deine Zeit geschenkt hast. Als mich mein Freund abends fragte wie mein Tag bei dir gewesen ist konnte ich nur grinsen und den Kopf schütteln. Die Emotionen musste noch den langen Umweg durch die Gedanken gehen um zur Reaktion zu werden. 😉

Maxi Fürwentsches bietet neben der Persönlichkeitsentfaltung mit Pferden auch Reiturlaub, Natural Horsemanship und Erste-Hilfe Kurse für Pferdemenschen an.

An dieser Stelle möchte ich mich auch ganz herzlich bei Kirsten Fleiser bedanken, ohne die dieses Treffen nicht stattgefunden hätte. Vielen Dank für deine Offenheit, liebe Kiki, und dafür dass du Türen öffnest. Auch Kiki durfte ich bereits auf einem ihrer Seminare zur Equikinetic und Dualaktivierung erleben.

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