Die Zitrone und das Pferd: Ein Abend mit Sady von Motionclick.

Heute möchte ich euch unter anderem erklären was eine Zitrone mit Konditionierung und Lernverhalten zu tun hat, und wieso ihr unbedingt Sady (Sylvia Czarnecki) von Motionclick kennenlernen solltet – falls sie euch nicht schon längst bekannt ist. Für MeinFaible habe ich an einem Abendseminar teilgenommen, in dem es um die Anwendung des Futterlobs und das Lernverhalten des Pferdes ging.

Zu Beginn des Theorieseminars mit Sady bekommen alle Teilnehmer eine halbe Zitrone in die Hand gedrückt. Das lockert nicht nur die Stimmung direkt ein wenig auf, weil wir alle leicht verwirrt unsere Zitrone beäugen, sondern wird uns am Ende des Seminars auch noch einen schönen Aha-Effekt bescheren.

Nach einem akustischen Signal sollen wir herzhaft in unsere Zitrone beißen. Anfangs ist es lustig, später wird es zur Routine. Das Signal ertönt und die Münder und Nasen kräuseln sich im 10-Minuten Takt.

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Sady erklärt uns zuerst sehr anschaulich den Begriff der Konditionierung. Wir Menschen sind alle in unserem Alltag konditioniert, genau wie unsere Tiere. Die Futterkarre auf der Stallgasse lässt die Pferde freudig brummeln, das Geräusch des Schlüsselbundes verrät dem Hund, dass es endlich raus geht. (Wahlweise verrät uns dieses Geräusch auch, dass wir es kaum noch bis zur Toilette schaffen, obwohl wir schon so lange einhalten konnten – ein Vergleich, der uns Teilnehmer alle schmunzeln lässt.)

Auf die Konditionierung im Alltag folgt ein detaillierter Vortrag über Lernverhalten, positive und negative Verstärkung, Futterlob und Konsequenz im Pferdetraining. Sady erklärt sehr anschaulich und verständlich, obwohl das Thema sicher keine leichte Materie ist. Links und rechts von mir sehe ich schon bald rauchende Köpfe, und ich muss immer wieder zustimmend nicken, weil ich mich in geschilderten Vorurteilen und Fehlern aus meinen Clicker-Anfängen selbst wiedererkenne. Im Nachhinein empfinde ich meine Selbstversuche vor zwei Jahren als ziemlich naiv. Heute weiß ich ganz sicher, dass ich viel schneller gelernt hätte, wenn mir damals ein kompetenter Trainer wie Sady zur Seite gestanden hätte.

Als Sady die negative Verstärkung thematisch herausarbeitet, wird mir wieder klar, wieso ich Faible nicht nach den klassischen Grundsätzen des aktuellen Verständnisses von Natural Horsemanship ausbilden möchte.

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Negative Verstärkung “durchzuziehen” bedeutet laut Sady nämlich auch die höchsten Stufen des Drucks anwenden zu können, damit das System authentisch bleibt. Viele Pferdemenschen (so auch ich selbst) würden über eine gewisse Druckstärke aber niemals hinausgehen. Sie setzen viel früher eine persönliche Grenze, die ihre Pferde gut kennen und deshalb wissen: Darüber hinaus wird es nicht mehr Druck geben. Es gibt Pferde, bei denen ist das auch gar nicht nötig, weil sie schon vor sehr geringem Druck weichen. Es gibt aber auch Pferde, und da zähle ich Faible auf jeden Fall dazu, die lassen sich nicht alles “bieten” und fangen an zu diskutieren.

Und genau da setzt bei mir das Gefühl ein, dass es mir zu viel wird, und ich mein Pferd nicht mit noch mehr Druck in die Schranken weisen möchte. Da kommen Gedanken hervor, wie die Frage: Wofür halten wir unsere Pferde heutzutage eigentlich? Möchte ich ein zuverlässiges Nutztier, einen Partner bei der täglichen Arbeit? Möchte ich die Kontrolle haben, meinem Pferd das Denken größtenteils abnehmen und als souveräne Führungskraft auftreten? Oder möchte ich tatsächlich eine gefühlte Gleichberechtigung, einen Dialog auf Augenhöhe? Folgt dann Anarchie und mein Pferd macht mit mir was es möchte?

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© Jane Tyburski

Meine Erfahrung mit zwei Jahren Clickertraining bestätigen mir, dass sich bei meinem Pferd durch positive Verstärkung sowohl sein Charakter als auch unsere Beziehung verändert hat. Es hat uns Zeitdruck genommen und unsere Trainingsmentalität verändert. Ich freue mich über viele kleine Erfolge, anstatt hartnäckig mit dem Gefühl “Es reicht noch nicht!” nachhause zu fahren. Da ich grundsätzlich perfektionistisch mit Pferden und gleichzeitig sehr ungnädig mit mir selbst bin, tut mir das Entschleunigen und die Konzentration auf die kleinen Erfolge sehr gut. Trotzdem mache ich regelmäßig Rückschritte und falle unserer Philosophie in den Rücken. Sady hat auch dafür eine Erklärung: Ich falle in alte Muster zurück, weil mir nun fast 18 Jahre Pferdeerfahrung ins Ohr flüstern: “Setz dich durch…” Kurzfristig löse ich Probleme mit der Erhöhung des Drucks. Langfristig haben Faible und ich dann daran zu knabbern, dass ich keine gerade Linie fahre und impulsiv statt bedacht handle.

Sady erklärt dazu passend: Die positive Verstärkung “durchzuziehen” bedeutet ebenfalls das System zu verinnerlichen und konsequent einzuhalten. Das ist so wichtig und gleichzeitig für mich oft auch so schwer. Wenn das Tier deutliche Unlust zeigt oder unsere Frage nicht versteht, dann sollte es auch nicht mit einem “lauter werden” dazu gedrängt werden unserer Bitte Folge zu leisten. Tun wir das doch, so wechseln wir die Seiten und die Freiwilligkeit des Pferdes ist meist für eine längere Zeit dahin. Ein Mix aus beiden Philosophien bringt unseren Pferden und auch uns selbst am Ende ein gemischtes Gefühl. Für mich fühlt es sich dann nicht authentisch genug an, eben nicht bis zum Ende gedacht.

Ich selbst besitze mit Faible ein sogenanntes “Crossover”-Pferd. Weil sie vor unserer Zeit bereits eine Erziehung erlebt hat, kennt sie Drucksteigerung nur zu gut. Einmal “installiert” kann das Pferd auch nicht mehr komplett umgepolt werden. Ich sehe mich selbst auch (noch?) nicht in der Lage mein Training ganz umzustellen. Dafür sind die Jahre in der “Schule” der negativen Verstärkung einfach zu sehr verinnerlicht. Daran möchte ich weiterhin arbeiten. Für Menschen wie Sady bin ich dankbar, weil sie mir durch ihre Geschichte womöglich einiges an unangenehmen Erfahrungen ersparen und Erkenntnisse schenken.

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© Jane Tyburski

Mir gefällt nämlich besonders gut, dass Sady durchaus ihre Erfahrungen in beiden Trainingsmethoden gesammelt hat. Oft fällt mir auf, dass Menschen, die positiv verstärken, belächelt werden, wenn sie mit der negativen Verstärkung nicht zufrieden waren und ihre Entscheidung rechtfertigen. Sie empfinden die negativen Verstärker als ungerecht und fehlplatziert im Pferdetraining. Umgekehrt gibt es viele “negative Verstärker”, die per se das Futterlob ablehnen ohne sich intensiv mit beiden Lehren auseinandergesetzt zu haben. Das macht mich ein bisschen traurig und bestärkt mich weiterhin darin keine Methode zu verteufeln und für Toleranz zwischen Pferdemenschen einzustehen.

Am Ende des Vortrags ertönt wieder das Geräusch der Zitronenübung. Sady lässt uns diesmal nicht hineinbeißen. Unser Gehirn hat die Reaktion beim Biss in die Zitrone aber bereits mit dem akustischen Signal verknüpft und wir zeigen alle die gleiche Reaktion: Die Mundwinkel verziehen sich und wir produzieren Speichel. So einfach funktioniert Konditionierung!

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Als ich wieder nachhause fahre habe ich ein ziemlich gutes Gefühl im Bauch. Mein Selbststudium scheint Früchte zu tragen, und gerade weil Trainer wie Sady im Internet Wissen, Ratschläge und Inspiration liefern, habe ich von ihrem umfassenden Vortrag vieles bereits gewusst. Meine Überzeugung für ein Training mit der positiven Verstärkung ist weiter gewachsen, und ich bin dankbar, dass ich Menschen wie Sady kenne und von ihnen lernen und mit ihrer Hilfe wachsen darf.

Mein Rat aus eigener Erfahrung: Ein Trainer für den Start in die positive Verstärkung ist unbedingt zu empfehlen! Es gibt viele kleine Fehler, die ich mir gerne erspart hätte, weil sie Faible und mein Lernen verlangsamt haben oder weil sich (aus meiner Sicht) ein Fehlverhalten eingeschlichen hat.

Ein für mich persönlich gerade brandaktueller Bericht ist Sadys Artikel “Wir sind die Anderen”. Darin erklärt sie den Zwiespalt, der auch mich immer wieder einholt, und von dem ich mich gerade mit Faible wieder aktiv lösen möchte, indem ich unseren Fokus auf Sanftheit und Entspannung als Voraussetzung unserer Arbeit lege.

4 Antworten zu “Die Zitrone und das Pferd: Ein Abend mit Sady von Motionclick.

  • Ein sehr sehr schöner Artikel, danke Miri! 🙂 Bestätigt mir darin, mich auch wieder aktiv mehr mit der positiven Verstärkung zu beschäftigen und doch nochmal nach einem Trainer in dem Bereich Ausschau zu halten.

    • Vielen Dank liebe Melanie! 🙂 Im Seminar am Samstag werde ich auch auf die positive Verstärkung eingehen, weil sie immer die Grundlage meines Umgangs mit dem freien Pferd bilden soll. Ich bin gespannt, wie dir mein Ansatz gefallen wird… LG Und bis zum Wochenende!

  • Danke für diesen Bericht. Ich bin dankbar zu hören, dass ich nicht die Einzige bin, die immer wieder in alte Muster zurückfällt. Es gibt mir Mut dran zu bleiben und meine Muster zu überwinden.

    • Ich denke das ist ganz menschlich! 🙂 Das Schöne ist ja, dass wir es jeden Tag neu versuchen dürfen. Wenn man dann zurückschaut hat man sich doch schon verändert, wir sind nur für den Moment immer unzufrieden mit unserer Entwicklung. Einfach mal Monate und Jahre zurückblicken, dann darf man ruhig auch gnädiger mit sich selbst umgehen! 🙂

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