Körpergefühl fürs Energiekarussell.

Mir wird gerade erst richtig bewusst, wie wir unsere Pferde maßgeblich durch unsere Energie beeinflussen. Sowohl neben, als auch auf dem Pferd, steht und fällt alles mit unserer Körperbeherrschung. Mit dieser Erkenntnis entdecke ich kein Neuland, aber es tut mir gut mir das noch einmal vor Augen zu führen.
Unsere Aufgabe ist es an unserem Empfinden zu feilen und uns auch in den Körper des Pferdes einfühlen zu können. Sich seine eigene Körpersprache bewusst zu machen ist der erste Schritt die Kommunikation mit dem Lebewesen Pferd zu verbessern – schließlich können wir ihm nicht einfach in Worten erklären was wir erwarten. Mir hilft es sehr mich dann manchmal wie aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Als würde ich am Rand des Reitplatzes stehen, oder von oben auf das Spielfeld schauen.

Ich bin begeistert, wie Jack und ich uns gegenseitig spiegeln, und er so viel seiner Energie für mich übrig hat.

Um auf das Pferd einwirken zu können, steht für mich immer an erster Stelle dafür zu sorgen, dass wir uns beide wohl fühlen. Solange das Pferd zappelig ist, oder ich selbst verspannt und abgelenkt bin, führt die Arbeit zu nichts als Frust und Unzufriedenheit. Für mich ist deshalb die Entspannung des Pferdes und auch des Menschens zu Beginn des Trainings sehr wichtig.
Den Kopf zu entspannen, „abzuschalten“, um Platz für neue Aufgaben zu machen, habe ich in den vergangenen Tagen ganz eifrig mit verschiedenen Pferden geübt. Eine besonders gute Lektion dafür ist das Absenken des Kopfes. Für das Pferd als Fluchttier kann dies zu Anfang ganz schön schwierig sein, weil es gerne den Überblick hat, um möglichen Gefahren aus dem Weg gehen zu können. Eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen ist deshalb eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe, sowohl für das Pferd, als auch für den Menschen.

Inzwischen muss ich Jack nicht mehr berühren, um ihn zum Entspannen zu animieren. Er beobachtet mich aufmerksam und folgt dann meinem Beispiel.

Am Boden arbeite ich an der Entspannung zunächst im Stand. Das Pferd kann sowohl durch meine Körpersprache, als auch durch sanftes Kraulen im Genick dazu bewegt werden, langsam seinen Kopf ein kleines bisschen zu senken. Dabei bestärke ich den kleinsten Versuch in die gewünschte Richtung, damit das Pferd versteht, dass seine Idee richtig war. Hat das Pferd das Prinzip der Entspannung verstanden, so reicht manchmal auch meine eigene Körpersprache aus, um seine Energie wieder herunterzufahren.

Akki von Fü(h)rpferd Horsemanship erklärt HIER noch mal ausführlich Sinn und Anwendung der Übung „Kopf tief“.

Auch im Sattel arbeite ich zuerst an der Entspannung des Pferdes. Mir fällt auf, wie unterschiedlich sie auf meine Anfrage reagieren, und wie schwer es einigen Pferden fällt, sich so richtig fallen zu lassen. Ich muss ihnen beibringen, dass „Reiter“ nicht gleich „aktive Bewegung“ heißt und besonders die Übungen im Stand fordern sie enorm.
Um es ihnen und mir einfacher zu machen, versuche ich die Entspannung deshalb zunächst im fleißigen Schritt abzufragen, sodass sie sich genüsslich unter mir strecken und dehnen können, und ich nicht ständig mit den Zügeln spielen muss. Merke ich, dass sich das Pferd wieder auf andere Dinge konzentriert, so biete ich ihm eine kleine Unterstützung, indem ich mit dem äußeren Zügel sanften Kontakt suche. Nach nur wenigen Erklärungen verstehen die Tiere, sowohl mit dem Glücksrad, als auch auf Trense geritten, wie gut ihnen diese Dehnung tut, und ich spüre deutlich, wie Anspannung abfällt und in ihren Köpfen Platz für mich geschaffen wird. Das Geräusch des abschnaubenden Pferdes hat auf mich eine positive Wirkung, und es animiert mich dazu, ebenfalls meine Sorgen zu vergessen, und mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

Jack bei unserer Entspannungsübung im Stand. Manchmal lässt er dabei sogar die Ohren schlackern und fallen, und zeigt mir damit deutlich, dass die Anspannung verflogen ist.

Wann immer ich das Gefühl habe, dass das Pferd nicht locker ist, gehe ich zu meinen Entspannungsübungen zurück. Der Effekt ist beachtlich – anstatt uns an Lektionen festzubeißen, löschen wir beide unsere negativen Gedanken, und beginnen lieber noch einmal von vorne.
Wenn ich mit einem Pferd arbeite, dann besteht dabei ein ständiges Auf und Ab der Energie. Nach jedem Energie-Hoch folgt auch ein Tief, in dem wir uns wieder neu sammeln, und Zeit haben, darüber nachzudenken, was wir gerade gelernt haben.
Die niederländische Pferdetrainerin Maud Aarts, der ich hier beim Unterrichten über die Schulter schauen darf, hat es sehr schön formuliert: „Wenn ein Reiter über einen längeren Zeitraum hinweg täglich anderthalb Stunden trainiert, und sich im Training keine Verbesserungen zeigen – dann läuft doch was falsch?“
Ich glaube, wir verbeißen uns manchmal in Übungen, und vergessen die Leichtigkeit, die Losgelassenheit, die in der Ausbildungsskala des Pferdes nicht ohne Grund ihren berechtigten Platz einnimmt. Loslassen im Körper und vor allem im Geist, damit die Arbeit mit dem Pferd zum Tanz wird.

Habe ich sowohl zu Beginn, als auch zwischendurch im Training immer wieder dafür gesorgt, dass das Pferd einen klaren Kopf hat, fallen uns sämtliche Übungen leichter.

Zuletzt möchte ich noch eine Bitte an euch Leser hinzufügen: Probiert mit eurem Pferd nicht auf eigene Faust aus, unbedingt so schnell wie möglich das Steigen zu erlernen. Besonders in den ersten Einheiten mit Jack habe ich einzig und allein daran gefeilt, seine Energie herunterzufahren, wann immer er zu eifrig bei der Sache war, oder ich das Gefühl hatte, eine Pause würde uns gut tun. Er hat mir diese Übung außerdem von sich aus angeboten, wir haben uns sie quasi „erspielt“. Ich habe seinen Vorschlag angenommen, mit dem Wissen um die Risiken, die diese Übung mit sich bringen könnte.

Hier bin ich jedoch völlig frei von äußerlichen Einflüssen, und habe alle Zeit der Welt, mit den Pferden in Ruhe zu arbeiten. Ich dränge sie in keine Übung hinein, denn das wäre unverantwortlich und gefährlich, für die Pferde und für mich.

Ich rate euch, wenn ihr frei mit eurem Pferd arbeitet, immer erst an der sicheren Basis und mit viel Ruhe zu üben. Wenn das Pferd in der Lage ist, in jeder Situation auf eure Anfrage hin den Kopf zu senken und sich zu entspannen, dann wird euch diese Übung im Alltag deutlich weiter bringen als das Steigen.

2 Antworten zu “Körpergefühl fürs Energiekarussell.

  • Liebe Miri,

    was für ein toller Artikel, vielen Dank!

    Ich reite im Moment ein ganz sensible Isi-Stute. Sie hat mich wieder daran erinnert, wie unglaublich viel wir mit unserer Ausstrahlung und Energie arbeiten können wenn wir nur mal innehalten und uns bewusst auf unser Pferd einlassen und ihm zuhören.
    Wenn ich gestresst zu Elja gehe ist sie unruhig. Wenn jemand um die Ecke kommt den ich nicht mag reagiert sie sofort mit Anspannung.
    Aber – genau wie du schreibst – auch der umgekehrte Weg ist möglich: wenn sie in ihrem Stresskarussel festhängt mache ich Atemübungen aus dem Yoga. Und es wirkt. Letztens habe ich uns beide so sehr heruntergefahren, dass sie mir unter dem Sattel halb eingeschlafen ist.

    Wenn man sowas "in den falschen Kreisen" erzählt wird man ja schnell als Esoteriker abgestempelt. Umso mehr freue ich mich, dass du auch solche Erfahungen machst und darüber schreibst. Ich werde definitiv öfter hier vorbeischauen <3

    LG Christina

  • Vielen Dank liebe Christina, für deinen lieben Kommentar! Du bist nicht esoterisch, du bist einfach sehr sensibel für dein Körpergefühl und die Gefühle deines Pferdes. Die Entspannungsübung ist für viele Reiter unmöglich, weil sie sich selbst nicht entspannen können auf ihrem Pferd. Außerdem sieht ein entspanntes Pferd nach wenig "Action" aus – obwohl es so eine schwierige Übung sein kann. Mach weiter so wie bisher! Dein Pferd wird es dir danken.. und auf die Meinung deines Pferdes kommt es schließlich an! <3

Kommentar hinterlassen:

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Du möchtest Post von mir? ♥Newsletter abonnieren!