Blau-gelbe Motivation mit Kirsten Fleiser.

“Dual-Aktivierung” und “Equikinetic”. Den meisten Pferdemenschen sind diese Wörter schon lange nicht mehr fremd. Die blau-gelben Gassen der Trainingsmethode sind derzeit in vielen Reitställen zu sehen und erfreuen sich ganz offensichtlich größter Beliebtheit. Doch was genau wird damit eigentlich trainiert? Wie können die Gassen sinnvoll in den Alltag mit Pferden eingebunden werden? Für eine Einführung in die Praxis fand ich in meiner Nähe einen Kurs mit Kirsten Fleiser, die als “Dualaktivistin” schon viele Reiter weiterbilden konnte.

Nachdem Kiki mich bereits nach unserem ersten Telefonat kurzerhand für MeinFaible mit Dressurreiterin Conny Niedenthal und der Kommunikationstrainerin Maxi Fürwentsches auf der Insel Mallorca verkuppelt hatte, bin ich erst recht auf ihr Seminar gespannt. So mache ich mich also auf den Weg zum Lengelshof nach Erkrath, um Kiki und ihr Training live zu erleben.

Dual

Wallach Zabrek über dem blau-gelben Dreieck. Foto: Katrin Westendorf

​Als ich auf den Hof fahre, werde ich sehr herzlich empfangen. Kikis Lebensfreude ist ansteckend und direkt fühle ich mich zwischen den anderen Teilnehmern wohl. Wir sind eine nette bunte Runde und vertiefen uns sogleich in die Theorie der blau-gelben Farbenlehre. Neben der beeindruckenden Wirkung der Komplementärfarben auf das Auge und damit auch das Gehirn des Pferdes, können mithilfe der Gassen Gelassenheit, Geschick und Losgelassenheit verbessert werden.

Vielleicht ist euch das auch schon passiert: Euer Pferd scheut auf dem Hinweg z.B. vor einem gruseligen Gegenstand. Wenn man auf dem Rückweg von der anderen Seite kommt scheut es erneut, so als hätte es den Gegenstand noch nie gesehen. Weil die Gehirnhälften der Pferde die Informationen der beiden Augen unabhängig voneinander abspeichern, hat das Pferd den Gegenstand von der anderen Seite also tatsächlich noch nie gesehen. Die blau-gelben Gassen helfen dem Gehirn des Pferdes bei der Verknüpfung und Verarbeitung der gesehenen Informationen. Ein bisschen wie “Gehirn-Jogging” oder Kreuzworträtsel für Pferde.

Nach der umfangreichen Einführung geht es auf den Reitplatz, wo wir uns trotz des beginnenden Regenschauers nicht davon abhalten lassen mit der Equikinetic anzufangen. Meine Freundin Kati von Equinality wird von mir durch die Quadratvolte gelotst. Wir spüren unsere unterschiedliche Wahrnehmung zu Druck beim Führen und ich finde es unglaublich spannend, wie unterschiedlich auch die Sensibilität der verschiedenen Teilnehmer zu sein scheint. So wie Pferde “Druck” individuell definieren würden, so ist auch unser Gefühl für “zu viel” offensichtlich sehr subjektiv.

Auf dem Foto darf ich Kati von “Equinality” bei strömendem Regen durch die Quadratvolte leiten. Foto: Katrin Westendorf

Die ungewohnte Haltung im Selbstversuch mit Biegung und Stellung ist für uns Menschen ebenfalls anstrengend und erklärt sehr anschaulich, wie kräftezehrend für die Pferde das Training in der Quadratvolte ist. Equikinetic ist eine “Muckibude für Pferde”, in der mit Intervallen zeitlich begrenzt in Anspannung und Entspannung gearbeitet wird. Nach dem Intervalltraining sollte man für die Pferde in der Regel einen Ruhetag einlegen, damit ihre Muskeln ruhen und wachsen können.
Kiki korrigiert unsere Art zu führen und erklärt die Geitner-Methode am lebenden Objekt, nämlich an uns selbst. “Führen lassen” ist im ersten Moment ein komisches Gefühl und definitiv eine Übung, die alle Reiter untereinander auch mal ausprobieren sollten.

Tipp: Für das Zeitsystem benutzt Kiki eine kleine Stoppuhr. Es gibt für Smartphones mittlerweile aber auch Fitness-Apps mit akustischem Signal, die man sich für die Equikinetic herunterladen kann.

Es folgen Equikinetic Einheiten mit Pferden. Neben erfahrenen alten Hasen sind auch nervöse und angespannte Pferde dabei. Es ist spannend die unterschiedlichen Reaktionen zu beobachten und mir gefällt besonders, dass die unterschiedlichen Charaktere der Pferde zum Vorschein kommen.

Kiki leitet einen Wallach in die Gasse. Foto: Katrin Westendorf

Am nächsten Tag wagen sich die Teilnehmer des Seminars an die gerittene Dual-Aktivierung. Während in der Equikinetic die Körperhaltung des Pferdes durch den Menschen manipuliert wird, heißt es im Sattel “Zügel lang” und entlasten. Die Pferde strecken sich zwischen den Gassen deutlich nach unten, achten auf ihre Schritte und heben ihre Beine an. Mir fällt auf, dass ängstliche Pferde eine deutlich höhere Beinaktivität zeigen. Ein Pferd setzt sogar regelmäßig zum Sprung über das Dreieck an, so großen Respekt scheint es davor zu haben.
Weil Faible und ich zum Zeitpunkt des Seminars ganz frisch in den Aktivstall umgezogen sind, habe ich ihr eine Hängerfahrt und den Stress in fremder Umgebung gerne erspart. Eine Teilnehmerin leiht mir spontan ihren Wallach Zabrek. An dieser Stelle vielen Dank für dein Vertrauen liebe Eveline! 🙂

Zügel vorgeben und in Ruhe schauen lassen. Foto: Katrin Westendorf

Nachdem wir uns ein bisschen aneinander gewöhnt haben, probiere ich ein paar Übungen unter Kikis wachsamen Augen aus. Plötzlich wird mir klar, wieso die anderen Teilnehmer zwischendurch falsch abgebogen sind, oder die Aufgabe in der Bewegung scheinbar “vergessen” haben. So leicht wie es aussieht ist die gerittene Dual-Aktivierung definitiv nicht. Reiter und Pferd müssen das Köpfchen nutzen und wachsam dem Konzept folgen. Ich finde mich zwischendurch immer wieder grinsend auf der falschen Seite wieder. Ich merke wie Zabrek unter mir Balance in den Gassen sucht und ich bemühe mich ihn tatsächlich auch dabei in Ruhe zu lassen und ihm zu vertrauen. Auch im Galopp trägt er mich brav über das Dreieck und als ich absteige bin ich stolz auf ihn.

Foto: Katrin Westendorf

Am Ende des zweiten Seminartages bietet mir Kiki tatsächlich an noch mit zu Faible zu fahren, um die Dual-Aktivierung an meinem eigenen Pferd erfahren zu können. Während wir die weite Strecke hintereinander her fahren, bin ich ihr echt dankbar und plötzlich auch ein bisschen nervös. Schließlich haben Faible und ich bis dato im neuen Stall noch nicht viel gearbeitet und ich hatte keine Ahnung, wie sie auf die blau-gelben Gassen reagieren würde.

Als wir am Stall ankommen riecht Faible meine Nervosität natürlich kilometerweit gegen den Wind. Sie ist zappelig und nervös, spiegelt mich zu 100%. Ich versuche mich für sie zu beruhigen, aber das klappt natürlich nur mäßig gut. Pferden können wir einfach nichts vormachen, schon gar nicht unseren eigenen.

Weil gerade in unserer Halle unterrichtet wird, weichen wir auf den Naturplatz aus. Dort sind Faible und ich erst ein einziges Mal gewesen. Beste Voraussetzungen für ein gelungenes Training also! 😉

Zügel lang lassen und entlasten: Faible streckt sich über dem Dualgassen-Dreieck. Foto: Kirsten Fleiser

Faible ist auf dem Weg zum Platz sprunghaft und ruft ständig nach ihrer neuen Herde. Während Kiki noch aufbaut, zeige ich ihr die blauen und gelben Gassen erst einmal vom Boden aus. Schnell wird sie zu einem mutigen, gespannten und neugierigen Pferd. Ich merke wie sehr sich unsere Arbeit am Boden jetzt auszahlt und unsere Basis auch in ungewohnter Umgebung und mit einer extra Portion Nervenkitzel stimmt. Die Erkenntnis lässt meine Zweifel schnell verfliegen.

Auch als ich in den Sattel steige, läuft Faible ohne Probleme durch die Gassen durch. Nach überraschend kurzer Zeit entspannt sie sich, vergisst ihre Herde und kann sich auf mich und vor allem auf die Aufgaben konzentrieren. Sie ist aufmerksam bei mir und ich bin irgendwie erleichtert, dass Kiki auch mir selbst mit den Dualgassen eine Aufgabe gibt. Während ich sonst normalerweise mit einem unruhigen Pferd den Fokus immer auf die bewusste Entspannung lege, scheint hier die visuelle Herausforderung ebenfalls eine beruhigende Wirkung auf Faible zu haben. Nach ein paar Runden zieht es sie regelrecht zu den Gassen und sie denkt mit. Kiki rät mir die Muster zu durchbrechen, also während einer liegenden Acht auch mal spontan einen großen Zirkel um die Gassen herumzureiten, damit Faible sich auch weiterhin auf mich konzentrieren muss.

Durch die Entlastung und das Vorgeben der Zügel in den Gassen werden diese schnell zu einem “Lieblingsplatz”, weil Faible sie mit Entspannung verknüpft. Meine Nervosität weicht einem breiten Grinsen und ich beginne endlich das Training zu genießen. Wäre ich ein Pferd, dann würde ich wohl mit Faible gemeinsam tief abschnauben. Obwohl meine Konzentration zugegebenermaßen wirklich sehr gefordert wird.

“Puh war das anstrengend!” höre ich mich sagen, als ich Faible zufrieden den Sattelgurt lockere. Ob ich die Kopfarbeit oder die Anstrengung im Sattel meine, kann ich gar nicht genau sagen…

Mein persönliches Fazit:

Equikinetic:
Mir fehlt als “positive Verstärkerin” das Ziel der tatsächlich korrekten Haltung des Pferdes. Weil ich in der Arbeit an der Hand mit Faible immer auf den perfekten Augenblick hinarbeite, um diesen dann zu bestärken und zeitlich weiter auszudehnen, würde ich in der Equikinetic mit Faible wohl eher das “Aushalten” lernen. Ich bin mir sicher, dass die Form des Trainings einen Aufbau von Muskeln vorantreibt. Dafür waren schon die Trockenübungen anstrengend genug. Mit Stoppuhr zu trainieren kann ich mir nicht vorstellen, weil ich Angst hätte mein Bauchgefühl damit zu übertönen. Oft arbeiten Faible und ich impulsiv, kurz und intensiv. Meist bis zu einem für uns bestmöglichen Moment, mit dem ich die Einheit dann oft auch beenden möchte. Faible soll weiterhin auf mein Lob warten und sich bis dahin stetig von selbst verbessern wollen, anstelle auf das Zeitsignal zu warten. Wie jedes andere Trainingskonzept sollte es zu Pferd UND Mensch passen. In Foren und Diskussionsrunden sind viele Reiter erleichtert und dankbar für ein solch striktes, zeitlich strukturiertes Training wie die Equikinetic. Blau und Gelb werden von mir auch in Zukunft definitiv in kreative Einheiten an der Longe eingebunden, weil ich spüre, wie sehr Faible von der Abwechslung und den Reizen der Gassen profitiert.

Gerittene Dual-Aktivierung:
In der täglichen Arbeit mit Pferden eignen sich die Dualgassen gut zum “Loslassen”, und auch, um sich und dem Pferd eine Aufgabe zu stellen. Der eigenen Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. In den Wochen nach dem Kurs habe ich selbst mit Faible immer wieder blau-gelb gearbeitet und die Gassen auch in der Dressur eingesetzt. Vor allem nutze ich sie um mir visuell einige Aufgaben zu erleichtern. Paraden auf den Punkt bringen, die Acht in allen Gangarten reiten, den Motor des Pferdes aktivieren – viele Punkte lassen sich durch Dual-Aktivierung vereinfachen.
Abgesehen von der Wirkung der Farben auf das Pferd profitiert auch der Reiter von den Dualgassen. Manchmal ist der Mensch vielleicht ein wenig unmotiviert, weiß nicht recht was er konkret mit dem Pferd arbeiten soll, oder er “schlufft” mehr vor sich hin anstatt das Pferd tatsächlich zu beschäftigen. Die Gassen bieten für solche Fälle definitiv ein abwechslungsreiches Training. Die geistigen und körperlichen Anforderungen an das Pferd sollten dabei aber wirklich nicht unterschätzt werden. Deshalb empfinde ich eine zeitliche Begrenzungen und einen daran anschließenden Ruhetag mit wenig körperlicher Belastung als sehr wichtig. Schon zehn Minuten gerittene Dual-Aktivierung im Trab können bei Pferden (und je nach Fitness und Tagesform definitiv auch bei uns Menschen) starken Muskelkater hervorrufen.

v.l.n.r. Kirsten Fleiser, (Miri – MeinFaible), Wallach Zabrek und Katrin Westendorf

Eigentlich hätte ich über Kiki auch einen eigenen Artikel schreiben können. Als echte “kölsche Type” steckt sie mit ihrer guten Laune richtig an und macht ihre Kurse auch zwischenmenschlich zu einem Erlebnis.

Wer die rheinische Frohnatur gerne mal live erleben möchte, der schaut am besten auf ihrer Seite bei Facebook vorbei. Dort informiert sie über aktuelle Kurse und erheitert ihre Leser auch mit kleinen Anekdoten aus ihrem Traineralltag. Auch auf Kikis Homepage Caballance könnt ihr euch in ihre Arbeit einlesen und informieren.

Ganz aktuell wird Kirsten Fleiser bei Reitsport Krämer in Neukirchen-Vluyn am 10. Oktober um 11 Uhr zu sehen sein. Als außerordentlich kommunikativer Mensch freut sie sich sicher über Feedback und neue Gesichter.

Liebe Kiki, vielen Dank für den großen Vorschuss an Vertrauen, deine Philosophie der gegenseitigen Unterstützung, dein Engagement für die Tiere und für die Lebensfreude, die du mit dir trägst. Ich denke gerne an unsere offenen Gespräche zurück. Optimistische Menschen wie dich kann es in der Pferdewelt gar nicht genug geben.

6 Antworten zu “Blau-gelbe Motivation mit Kirsten Fleiser.

  • Hi Miri,

    schön wieder etwas von Dir zu lesen und Danke für den Einblick in die Equikinetic. Ich habe selbst damit noch keine Erfahrung gemacht, aber man liest ja immer wieder darüber und ich hab sogar noch ein ungelesenes Buch von Michael Geitner bei mir im Regal stehen.

    In meinem alten Stall gab es einige Reiterinnen, die “blau-gelb” gearbeitet haben. Mir widerspricht der Gedanke an einem Stoppuhr und ein durchgetimted Training auch total. Intervalltraining gab es in der Reiterei schon immer, aber so durchgetaktet, könnte ich mir das nicht vorstellen. Anstatt Cavalleti die Dualgassen beim Longieren zu verwenden, das fände ich hingegen sinnvoll, hat aber weniger mit dem Prinzip zu tun.

    Abgesehen davon verstehe ich immer noch nicht, warum es gerade gelb und blau sein soll. Wissenschaftlich ist sogar umstritten, dass Pferde blau überhaupt als solches wahrnehmen können.

    Danke Dir für den Einblick, der ja auch ein wenig meine Gedanken widerspiegelt. Falls sich mal die Gelegenheit bietet, würde ich sicherlich auch mal einen Kurs anschauen und Kiki scheint auf jeden Fall ein toller Mensch zu sein 🙂

    Liebe Grüße, Saskia

    • Liebe Saskia,

      vielen Dank für deinen Kommentar! 🙂 Genau wie du werde ich niemals mit Stoppuhr am Pferd arbeiten wollen. Weil ich kein Pferd bin, kann ich dir auch nicht sagen, ob “blau-gelb” auch wirklich für die Pferde am besten wahrzunehmen sind. Ich denke wichtig ist der Kontrast der beiden Farben, so sind sie als Komplementärfarben eben prädestiniert für diese Reizung der beiden Gehirnhälften. In den letzten Wochen habe ich weiter ab und zu an der Longe mit den Gassen gearbeitet und mir persönlich haben sie mit Faible wirklich geholfen. Sie “sucht” die Entspannung in den Gassen und streckt sich selbstverständlich und tief zwischen ihnen ab. Für die Arbeit unterm Sattel nutze ich sie für mich nur selten und meist um mir Punkte visuell zu verstärken. Ich kann dir auf jeden Fall empfehlen dir die Dualaktivierung mal genauer anzusehen. Das “Aha!” Erlebnis hatte ich wirklich erst beim Seminar. Anstrengend ist es wirklich für Kopf und Körper! 🙂

      Liebe Grüße!

      • Also ich werde es auf jeden Fall mal ausprobieren und auch mal das Buch lesen. In meinen Stall sind gerade drei neue Pferde gezogen, deren Besitzer blau-gelbe Gassen mitgebracht haben. Wenn das kein Wink mit dem Zaunpfahl ist 😉

      • Ich darf auch netterweise ab und zu die Gassen einer Stallkollegin nutzen, dafür bin ich ihr auch wirklich dankbar. Probiere es mal aus und berichte dann, bin gespannt was du sagst! 🙂

  • Huhu Miri,
    deine neue Seite ist echt schön!!!
    Ich freue mich sehr über interessante Einblicke in die Pferdewelt und vor allem über die “neuen Wege” die du (mit Faible) gehst!
    Die Methoden sind, dank deiner guten Erklärungen, auch für mich als Laie (????) immer gut nachvollziehbar und einfach umzusetzen (Ich sag nur Clickertraining!!!)
    Also: weiter so!
    LG, Lena

    • Liebe Lena,

      vielen Dank für deine lieben Worte! Du wirst die Sachen ja auch aus erster Hand erfahren… 🙂 Ich freue mich auf unsere nächste Stunde!

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