Die Zurückeroberung des inneren Kindes.

“Ein Coaching mit Faible in der Schwangerschaft, noch dazu im achten Monat – ist das wirklich eine gute Idee?” schießt es mir kurz durch den Kopf, als ich an die Tage denke, an denen es bereits beschwerlich für mich ist.

Ich habe Faible versprochen, dass sie niemals dafür verantwortlich sein muss, dass es bei mir beruflich rund läuft. Auch für dieses Coaching möchte ich uns deshalb keinem Druck aussetzen und darauf vertrauen, dass genau das eintrifft, was sich für unseren Besuch und auch für Faible und mich richtig anfühlt.

Weil mein Bauchgefühl am Telefon bei der Anfrage bereits Ja schreit, treffen wir uns an einem verregneten Dienstag im Herbst an meinem persönlichen Rückzugsort, Faibles Zuhause. Schon nach kurzer Zeit spüre ich, wie richtig diese Entscheidung ist.

 

 

“Ich wünsche mir wieder Zugang zu Pferden zu bekommen.” Diesen Wunsch soll ihr meine Faible schneller erfüllen, als ich es mir erhoffen kann. Wir begrüßen zusammen das erste Pferd, verweilen einen Moment mit ihm und genießen seine unbeschwerte Art auf Menschen zuzugehen. Es folgt uns in den Stall, als wir uns auf die Suche nach Faible machen. Hinter dem Stall treffen wir sie und mein Pferd kommt ohne zu zögern mit großen Schritten auf uns zu. Ich merke, wie berührt unser Besuch davon ist, dass Faible aus eigener Entscheidung in den Stall tritt und nach wenigen Metern stehen bleibt.

Es folgen für mich magische Minuten, in denen ich beobachten darf, wie zart und vorsichtig Faible und unser Besuch sich berühren. Hier geht es von Beginn an um so viel mehr, als nur um die körperliche Berührung, das zaghafte, sanfte Kennenlernen, Fingerspitzen an weichen Nüstern.

Ich beobachte, wie sich Pferd und Mensch im Herzen berühren. Ehrlich, respektvoll, staunend. Ich stehe hinter Faible, lege ihr die Hand auf die Kruppe und streichle vorsichtig ihr weiches Fell. Die Stille fühlt sich überhaupt nicht unangenehm an, es liegt so viel Offensichtlichkeit in der Luft.

 

 

Plötzlich bin ich wieder ein kleines Mädchen, ich habe das Gefühl diese Situation in meiner Kindheit schon oft erlebt zu haben. Es hat sich irgendwo in mir versteckt, das innere Kind. Unter Vernunft, Erfahrung, Wissen, Rationalität und Verantwortung. Aber jetzt ist da und unser Besuch kann es ebenfalls fühlen. Die Augen strahlen, die Hände sind liebevoll und weich und tasten sich vorsichtig durch das warme Fell.

Faible steht ganz ruhig zwischen uns, atmet langsam und tief. Wir entspannen uns zusammen und Faible geht mit einer inneren Ruhe auf die Frau ein, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe. Es liegt so viel Ehrfurcht in der Luft, so viel Wertschätzung für das Lebewesen Pferd und für diesen Moment im Stall. Mir fällt auf, wie dankbar ich bin, dass es draußen wieder regnet und wir so keinen Drang haben, wieder hinaus zu treten. Wir haben keine Eile, die Zeit scheint still zu stehen.

Ich darf den gesamten Vormittag immer wieder in die Augen des kleinen Mädchens in mir blicken. Die Freude darüber, wie schön es ist, wenn ein so großes Tier den Huf hebt, damit man ihn behutsam und gewissenhaft auskratzen kann. Wie es sich anfühlt, wenn der Striegel achtsam durch das glänzende Fell gleitet und man einen Moment inne hält, wenn das Pferd die Aufmerksamkeit auf die Blätter richtet, die wenige Meter von uns entfernt rascheln, wenn sie auf dem Boden aufkommen.

 

 

Es ergeben sich tiefgründige, bereichernde Gespräche, während Faible uns durch den Tag führt. Der Regen hört auf, als es uns in den Wald zieht.

Immer wieder erhasche ich zwischen den erwachsenen Gedanken einen Blick auf das Wesentliche, wie das genüssliche Hineintauchen der Nase in den unverkennbar wohltuenden Pferdeduft. Die Fingernägel müssen dreckig sein, wenn man den Tag beendet. Die Haare zerzaust vom Wind und von der Unzähmbarkeit des Augenblicks.

Danke meine weise Wegbegleiterin, dass du mich und andere Menschen so sehr berührst und zu unseren tiefsten Wurzeln und Träumen zurückführst. Und vielen Dank an unseren Besuch, für das entgegengebrachte Vertrauen und für die Erinnerung an das, was für uns Pferdemenschen eigentlich schon immer der eigentliche Ursprung unseres Handelns war.

Es ist gar nicht fort, das innere Kind in uns. Wir müssen uns bloß hin und wieder beherzt ein paar angewöhnte, erwachsene Eigenschaften aus dem Weg räumen, um es uns zurückzuerobern. ♥

Fotos: Fellfotografie Katja Danielski

Tipp: Auf “Penny das Pony” schreibt Melanie, wie wir das innere Kind wieder entdecken können und Herz statt Hand in der Zusammenarbeit mit Pferden einsetzen. Lesenswert!

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