Ich kann’s nicht besser erklären, nur lauter!?

Leise reiten. Das ist so eine Sache. Nach meinem Abitur war ich eine ganze Zeit bei den Lipizzanern in Johannesburg / Südafrika, und das war das Erste, was mir positiv aufgefallen ist: Es sind 8 – 10 Hengste gleichzeitig in der Halle und es ist – leise! Ich bin mir sicher, für die wenigsten, die ihr Pferd in einem größeren Stall stehen haben, ist das selbstverständlich. Für wen “lautes Reiten” ein Fremdwort ist, der darf sich an dieser Stelle sehr drüber freuen! 🙂

Unter lautem Reiten verstehe ich unter anderem, dass Reiter mitunter tatsächlich laut werden, wenn sie unzufrieden sind, weil das Pferd ihre Hilfen nicht versteht. Das ist irgendwie menschlich, und ich kann mich nicht davon frei sprechen, dass mir auch immer mal wieder ein energisches Wort herausrutscht. Aber nicht nur das laut werden bei Kommunikationsproblemen zwischen Pferd und Reiter sehe ich oft als Störung an, sondern auch das überschwängliche, feste auf den Hals klopfen, gepaart mit “Jaaaa feeeeeiner Junge, suuuuper toll!” nach einer einigermaßen geglückten Lektion kann für andere in der Reitbahn als Störung wahrgenommen werden, wenn man sich gerade auf sein Pferd konzentrieren möchte. Ich habe mir deshalb angewöhnt, zwar auch viel mit Stimme zu loben, aber dabei möglichst so leise zu bleiben, dass man es auf der anderen Seite des Platzes nicht mitbekommt. Gepaart mit einem Kraulen am Widerrist und nach einer schwierigen Übung auch ein paar Schritten am langen Zügel ist dies für Faible auf jeden Fall Lob und Entspannung genug, und lässt sie anschließend auch weiter motiviert mitarbeiten. Unter lauter werden verstehe ich auch den Einsatz immer schärferer Gebisse, Sporen und Gerten. “Ich kann’s nicht besser erklären, nur lauter!” ist für mich was das Reiten betrifft also eher eine Sackgasse als eine Verfeinerung der Hilfen. Dann versuche ich lieber an meiner Hilfengebung zu arbeiten und ggf. neu zu erklären. Denn schließlich reagiert das Pferd ja nur deshalb falsch, weil es uns nicht versteht.

Das “leise Reiten” ist aber viel mehr für mich, als nur die Klappe zu halten während ich reite. Vor ein paar Tagen habe ich in einem Buch von Mark Rashid gelesen, wie er in seiner Jugend Probleme hatte, ein Pferd rückwärts zu richten. Er erzählt, dass sein damaliger Lehrmeister ihn daraufhin gebeten hat, die Zügel einmal mit geschlossenen Augen in die Hand zu nehmen, und das Pferd so “leise” rückwärts zu richten, dass er die Bewegungen (die er als Reiter macht) selbst gerade so wahrnehmen konnte.

Davon inspiriert habe ich mich daraufhin mit Halfter und Strick auf Faibles blanken Rücken gesetzt und versucht sie genauso leise zu fragen, wie Rashid es in seinem Buch beschrieben hat. Faible hat sofort verstanden was ich von ihr wollte, und ihr Gewicht sogleich nach hinten verlagert. Ich habe sie gelobt und die Übung von vorne begonnen. Ein leises Zupfen am Strick, die Gedanken auf das Rückwärts gerichtet – und siehe da, sie hat ganz eifrig auf mich geachtet und wir konnten als Einheit nach hinten und wieder nach vorne “wippen”.

Diese Übung erwähne ich auch deshalb, weil sie mir hilft mich zurückzubesinnen, wie leise ich eigentlich reiten möchte. Dieses Pferd hat so übereifrig mitgearbeitet, auf meine Schenkelhilfen und das Zupfen am Strick reagiert – so als ob sie mir sagen wollte: “Ganz genau! So einfach kann es sein, wenn du mich so sanft und vorsichtig bittest!” Nachdem wir ein paar Schritte zurück und wieder vor gegangen waren und wir tatsächlich auch die Wippe reiten konnten, (in der sie das jeweilige Bein nie ganz abgesetzt hat, sondern immer wieder vor und zurück bewegt hat), war sie auch für alles andere sehr viel sensibler. Probiert es aus – und seid geduldig, wenn euer Pferd nicht sofort auf das leise Zupfen reagiert. Schon die kleinste Gewichtsverlagerung nach hinten muss gelobt werden, dann tastet man sich immer weiter an sein Ziel heran. Aber lobt leise, liebe Reiter! 😉 Euer Pferd soll es hören, denn nur für das Pferd ist das Lob bestimmt.

Auch im Gelände versuche ich inzwischen intensiver leise zu reiten. Oft bummelt man in Gespräche vertieft so durch den Wald, weil man eben auch mal die Seele baumeln lassen muss. Letztens ist mir bewusst geworden, dass ich ganz oft übersehe, dass das Pferd mir Fragen stellt. Seitdem ich stärker darauf achte, wann sie mir Fragen stellt, hat sich die Anzahl unserer Diskussionen im Gelände deutlich verkleinert. Ein Beispiel: Wir kommen an eine Kreuzung, bei der wir an zwei dieser bösen Baustellenpoller vorbeireiten müssen. Sie fragt schon einige Meter vorher: “Sicher? Da durch? Na ich weiß nicht recht… ” und mir fällt ihre Unsicherheit meist dann erst auf, wenn wir schon kurz davor stehen und Faible die Verantwortung für uns beide übernommen hat und stehen bleibt. Dabei hätte ich ihr einfach einige Meter früher schon zuhören müssen, um ihr sanft aber bestimmt zu vermitteln: “Alles ist okay, die Poller tun uns nichts. Ich pass auf, ich kann die Lage einschätzen, alles ist gut.” Im richtigen Moment leise zu reiten hilft also, dem sonst anschließend folgenden lauten Reiten aus dem Weg zu gehen.

Auch im täglichen Umgang haben wir seitdem ein noch ruhigeres Miteinander. Sie stellt mir ganz oft ganz viele Fragen, und ich muss meine Antennen einfach noch viel mehr auf sie richten, um wichtige Fragen nicht zu überhören. Wenn wir zusammen sind beobachtet sie mich eigentlich immer – da wäre es nur fair, wenn ich ihr noch ein bisschen besser zuhören würde.

3 Antworten zu “Ich kann’s nicht besser erklären, nur lauter!?

  • so ein schöner blog *.* ich freue mich aufs lesen!! Pony-Grüße da lass :*

  • Vielen Dank! 🙂 Deinen Blog habe ich heute erst entdeckt und bin auch ganz begeistert von deinen Gedanken. Liebe Grüße! 🙂

  • *flüsternd* so ein schöner Artikel. Die Wippe habe ich auch schon ausprobiert und war erstaunt wie wenig es braucht, damit das Pferd mit mir wippt. Bei Pferden ist weniger oft so viel mehr. Liebe Grüße, Petra 🙂

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