Dressur: Ein Spiel für Zwei.

“Die Dressur ist für das Pferd da, nicht das Pferd für die Dressur.” – Bent Branderup

Wieso machen wir es uns eigentlich meist so schwer, habe ich mich letzten Freitag gefragt. Die Dressur, das ist eine ernste Angelegenheit! Sie ist wichtig, damit das Pferd an den richtigen Stellen die richtigen Muskeln trainiert, das Gleichgewicht wird geschult, Pferd und Reiter können als eine Einheit auftreten. Es steckt das Wort “dressieren” in Dressur – das klingt für mich aber eher danach, dass wir dem Pferd etwas beibringen, auf das wir anschließend ganz stolz sein können. Etwas, das wir präsentieren können. Die Dressur zur Stärkung unseres Egos. Ist das Pferd nicht doch für die meisten von uns für die Dressur da, statt umgekehrt?

Am Freitag war ich ziemlich kaputt von der Woche. Ich habe mich krank gefühlt, war froh, als ich endlich Feierabend hatte. Und kurz darauf direkt frustriert, weil die Sonne schon wieder unterging, und ich mich fragte, ob ich mein Pferd noch in der Dämmerung von der Wiese holen konnte, oder wieder eine Taschenlampensuchaktion auf dem Plan stehen würde. Ich fühlte mich verspannt, hatte ein unangenehmes Pfeifen im Ohr und wollte eigentlich nur noch heiß duschen und ins Bett.

Am Stall habe ich mich beeilt zur Koppel zu kommen. Und als mein Pferd auf Zurufen angeschlendert kam, hatte ich die Woche bereits vergessen und war auch geistig dort angekommen, wo ich am liebsten bin.

Weil ich meinen normalen Sattel zur Pflege mit nachhause genommen hatte, legte ich Faible seit langer Zeit mal wieder den Fellsattel auf den Rücken. Dadurch, dass sie noch zu Beginn dieses Jahres regelmäßig so sehr unter mir gebuckelt hatte, dass ich mich im Fellsattel nicht mehr wohl gefühlt hatte, war es ein ganz ungewohntes Gefühl endlich wieder ohne Steigbügel und so nah am Pferd zu sitzen. Ich erwartete gar nichts, und war froh einfach nur mit ihr zusammen zu sein, ihre Wärme zu spüren und mich dankbar von ihr tragen zu lassen. Ich habe dank des Fellsattels, und des direkten Kontaktes den man zum Pferd hat, nur klitzekleine Signale geben müssen, die sie sofort motiviert umsetzte. Davon begeistert und ebenfalls motiviert, fragte ich wie in einem Wechselspiel immer mal wieder eine Lektion ab, wobei das Wort Lektion schon wieder nach dressierter Arbeit und gelerntem Fleiß klingt.

Es war an dem Tag alles – nur keine Arbeit. Dabei sagen wir doch immer so schön: Heute gehe ich nicht ausreiten, wir müssen mal wieder auf dem Platz arbeiten!?
Anstatt angestrengt zu arbeiten bekam ich das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht. Wir befanden uns in einem ständigen Wechselspiel zwischen Versammlung, Entspannung, stehen, Mähne kraulen, konzentrieren, Seele baumeln lassen. Wir verstanden uns so gut wie lange nicht mehr, und ich wollte gar nicht mehr absteigen, weil ich gemerkt habe wie viel Spaß auch Faible an der Dressur hat – wenn man sie mitentscheiden lässt, und Ehrgeiz und Selbstkritik vergisst! Wir waren so herrlich unperfekt und für mich hat sich einfach alles ganz wunderbar perfekt angefühlt. Ich habe das ganze Wochenende immer wieder an diese Einheit auf dem Reitplatz zurückgedacht, und mir eingeprägt wie locker flockig Dressur für uns sein kann.

Ich hoffe sehr, dass ich für mich die Dressur immer öfter genauso als Entspannung und Spaß empfinden kann. Wenn die “Arbeit” auf dem Platz ebenso schön ist, wie ein flotter Ausritt durchs Gelände oder eine Runde Clickern oder ein Spaziergang durchs Wäldchen, dann muss ich ein neues Wort dafür finden. Vielleicht sogar irgendwann das Wort “Dressur”. 😉

Am Samstag habe ich dann mit einer Freundin in alten Bildern gestöbert, auf denen ich Dressur reite. Ich wusste vorher, was ich sehen würde, und doch hat es mich erneut traurig und nachdenklich gestimmt. Auf den meisten Bildern von früher (bis Januar 2013) sehe ich angespannt aus, konzentriert. Ich wusste zu jedem Bild genau, wie ich mich gefühlt habe, in dem Moment. Meine Leistung war nicht gut genug, das Pferd war nicht gut genug. Meine Mimik auf den Bildern spricht Bände – und doch habe ich auch damals gedacht, wie viel Spaß es macht, und was es für eine Ehre ist, diese Pferde alle reiten zu dürfen. Diesen Blick, den ich auf den Fotos sehe, den sehe ich auch in den Blicken anderer Dressurreiter. Verbissen, verkrampft, übereifrig. Wieso machen wir es uns so schwer? Dressur kann so unfassbar schön sein, sie kann ein Spiel sein, sie kann richtig Spaß machen!

Als Faible mir am Freitag signalisiert hat, dass sie eine kleine Pause machen möchte, habe ich mich im Stand nach vorne gelehnt und sie an der Brust gekrault. Zuerst war sie irritiert und wollte ein Stück zurückweichen. Als sie gemerkt hat, dass ich ihr kein “Kommando” damit geben wollte, ließ sie den Kopf sinken und schnaubte und seufzte ganz zufrieden und so lang und tief, dass ich davon ganz gerührt war. Nur wenige Augenblicke später galoppierte sie aus dem Schritt an, um kurze Zeit später in eine Traversale zu gehen, ohne dass ich krampfhaft versuchte sie in eine Form zu pressen. Nicht perfekt, aber so gut es für sie und mich in dem Moment ging! Es war einfach ein herrliches Gefühl, und ich sprang ab, als es am allerschönsten war!

2 Antworten zu “Dressur: Ein Spiel für Zwei.

  • Hach… Wie schön…. An diesem Punkt kommen hoffentlich alle Reiter irgendwann an… Liebe Grüße an euch <3

  • Was für ein schöner Text – da bekomme sogar ich Lust auf Dressur und das ist das von mir am wenigsten gemochte Thema 🙂 Danke für die schönen Worte.

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