Das erste Date mit einem fremden Pferd.

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Als ich Chandon getroffen habe, war es ein heißer Tag im südafrikanischen Johannesburg. Der hübsche Kerl hatte ein anstrengendes Turnierwochenende hinter sich, und seine Reiterin ließ mir freie Hand ein bisschen mit ihm zu spielen – ganz frei, ganz anders, als Chandon es bisher gekannt hat. Das talentierte Dressurpferd hatte seinen “day off in the paddocks”, und ich war gespannt, wie er auf mich reagieren würde.
Bildschirmfoto 2015-03-10 um 16.10.47Als er auf den Reitplatz gebracht wurde, sprühte er nur so vor Energie. Er bockte, rannte, schnaubte und wälzte sich für mindestens zehn Minuten auf dem neu errungenen Spielplatz, auf dem für Chandon sonst wie in einem Klassenzimmer die Lektionen unterm Sattel auf der Tagesordnung stehen. Ich genoss den Anblick dieses lebensfrohen Tieres und schaltete meine eigene Körperenergie ganz herunter, saß einfach nur in der Mitte des Reitplatzes und freute mich über dieses schöne Pferd. Seine Trainerin und ich haben viel gelacht, und der Wallach nahm kaum Notiz von mir. Irgendwann begann ich, ihm eine Einladung zu senden, aus meiner hockenden Position heraus. Ich verhielt mich ruhig, redete nicht mit ihm, sondern zeigte ihm lediglich, dass er sich auch gerne zu mir gesellen darf.
Als er endlich neugierig wurde, was ich als fremder Mensch da auf seinem Spielplatz zu suchen hatte, kam er zögerlich für ein erstes “Hallo!?” auf mich zu geschlendert.
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Nachdem ich Chandon begrüßt hatte, erklärte ich ihm das System der positiven Verstärkung. Er folgte mir sehr vorsichtig über den Platz, und blieb immer wieder stehen, um sich umzuschauen oder mich mit seinen großen Augen anzusehen. Es war offensichtlich, dass er keine Ahnung hatte, was ich von ihm wollte – aber ich schien zumindest spannend genug zu sein, dass er immer wieder näher kam. Manchmal holte ich ihn mit meiner Körpersprache ab, manchmal kam er von sich selbst wieder auf mich zu. Wir liefen zusammen kleine und große Kreise, ähnlich wie eine Stute die ihr Fohlen “an die Hand nimmt”. Durch meine betont ruhige Körpersprache kam er immer seltener auf den Gedanken von mir weg zu hüpfen. Nach ca. 15 Minuten begann er anzutraben, wenn ich das Tempo erhöhte.

Hier bin ich noch im Schritt, und Chandon muss bereits zeitweise in einen leichten Trab fallen um mitzuhalten.

Weil er nicht das erste Pferd ist, dem ich auf diese Art und Weise zum ersten Mal begegne, werte ich das Antraben des Pferdes für mich als eine Art “Zwischenerfolg”. Einige Pferde tun sich nämlich richtig schwer damit, frei hinter oder neben dem Menschen her zu traben. Ein Pferd der niederländischen Trainerin Maud Aarts hat sich bei mir regelrecht für seine Energie entschuldigt, weil es so sicher war, eine Grenze überschritten zu haben. Aber dazu in einem anderen Blogpost. Chandon trabte also ganz vorsichtig an, und ich selbst blieb noch in einem frischen Schritt, um den sprunghaften Chandon nicht zu überfordern, oder unverständliche Signale zu senden.

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Nachdem Chandon verstanden hat, dass ich ihn gerne in meiner Nähe habe, begannen wir damit das “Energiekarussell” zu spielen. Während ich ihn immer besser lesen lernte, so konnte auch er immer mehr mit meiner Körpersprache anfangen. Ich begann kleine Haken zu schlagen oder abrupt stehen zu bleiben, und forderte ihn damit zu mehr Aufmerksamkeit für mich auf. Er blieb immer seltener stehen (wie ein Auto, dem der Sprit ausgeht) und fand seinen Platz neben mir. Seine Reiterin machte mich vom Rand des Reitplatzes darauf aufmerksam, dass unsere Beine im Gleichschritt sind – für mich mittlerweile ebenfalls ein positives Zwischenergebnis. Es bedeutet, dass wir zum selben Lied tanzen. Er stoppte auf die Sekunde genau mit mir ab, und wir hatten unseren Takt gefunden.

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Hier habe ich mich dann bereits selbst zu einem Trab hinreißen lassen, weil Chandon vor einem Energieschub meinerseits nicht mehr zurückgewichen ist oder stehen blieb.

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In den letzten Minuten unseres Treffens konnte ich Chandon mehr auf meine Körperhöhe bringen, damit er mir nicht bloß hinterherläuft. Zuvor war er im Trab immer wieder ein bisschen zurückgefallen, und ließ sich von mir ziehen – ähnlich wie Schulpferde das in der Abteilung gerne mal machen. Auf dem letzten Foto trägt er sich mehr selbst, bringt seine eigene Energie für ein frisches Vorwärts mit ein, und richtet sich mehr auf. Zu mehr Aufrichtung ermuntere ich Pferde übrigens ebenfalls mit meiner Körpersprache.
Dafür dass dies unser erstes und wahrscheinlich auch einziges Treffen war, bin ich sehr zufrieden mit unserer gemeinsame Zeit gewesen. Worte habe ich nur mit seiner Trainerin, der Reitlehrerin am Rand des Reitplatzes gewechselt – an Chandon ging weder ein “come” noch ein “stand” oder “good boy”.

Was habe ich also gelernt?
Mal wieder ist ein leiser Umgang mit dem Pferd mindestens so effektiv, wenn nicht sogar deutlich effektiver gewesen, weil ich mich ganz auf meine eigene Körpersprache konzentrieren musste. Ich habe mir anschließend Gedanken gemacht, worin der Unterschied für Chandon zu seinem regulären Training nun bestanden hat. Ich glaube im Alltag werden Pferde wie er in die Welt von uns Menschen geholt. Wir sprechen unsere Sprache, fragen nach dem was wir gerne von ihm sehen wollen, haben ein fertiges Bild unserer Ziele im Kopf. Ich habe an dem Tag versucht in seine Welt einzutauchen, und seine Sprache zu sprechen. Ich habe versucht ihn zu lesen, und es hat ein bisschen gebraucht, bis er verstanden hat, dass er sich an unserem Gespräch beteiligen darf. Er hat es genossen, die Wahlmöglichkeit auch gegen unsere Arbeit zu haben, ohne dass auf Arbeitsverweigerung eine Strafe folgt. Für mich ist die freie Arbeit mit dem Pferd deshalb so spannend und auch anspruchsvoll, weil es an mir allein liegt, das Pferd zu begeistern. Es kann sich gegen mich entscheiden, und ich muss das akzeptieren oder mich selbst interessanter für das Pferd machen.
Jedes Pferd ist anders, und ich habe bewusst Chandon als “Person” in den Vordergrund gestellt, damit deutlich wird, dass ich keinem speziellen Schema folge und das Pferd als Individuum betrachten möchte. Ich arbeite viel nach Gefühl, damit ich mich nicht in Lektionen verfange, und würde bei einem anderen Pferd womöglich ganz anders vorgehen.
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Am Ende unserer Einheit stand Chandon ganz zufrieden und entspannt in der Mitte seines Spielplatzes und hatte seine Augen fast geschlossen. Ich war ebenfalls innerlich ganz ruhig. Ruhig und dankbar, dass er mir ein Stückchen seiner Zeit geschenkt hat.

2 Antworten zu “Das erste Date mit einem fremden Pferd.

  • Toller Artikel, sehr schön geschrieben.
    Der letzte Absatz hätte meiner Meinung nach gar nicht sein gemusst, weil du alle deine Artikel so schreibst, dass deine Vorgehensweise anderen nicht aufgedrängt wird. Aber man kann sich beim Lesen richtig darin verlieren und selbst entscheiden, ob man das selbst ausprobiert oder einfach deinen schönen Moment mitgenießt.

    Und das Thema an sich ist natürlich auch sehr schön! Mir ist bei anderen Artikeln auch schon deine besondere Art und Weise aufgefallen, wie du mit Pferden umgehst und ich bewundere, wie man so jung, schon soviel Weisheit in sich tragen kann.
    Ich bin gespannt auf weitere Artikel von dir und möchte mich dafür mal an dieser Stelle dafür bedanken!
    Liebe Grüße, Regina

  • Vielen Dank liebe Regina für dein Kompliment! Da weiß ich gar nicht, was ich darauf antworten soll… 🙂 Es wird natürlich weiterhin Artikel geben, in wenigen Wochen auch regelmäßiger als im Moment.

    Ich freue mich, wenn du öfter hier vorbeischauen wirst!

    Liebe Grüße zurück,

    Miri

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