Meine Lieblingsübung: Vom bedingungslosen Zusammensein.

Ich möchte euch eine Übung vorstellen, die für mich mittlerweile essentiell für meine Zeit mit Pferden geworden ist. Womöglich war sie schon immer da, und ich habe sie lange Zeit nicht richtig wahrgenommen? So oder so, es wird Zeit, dass ich ihr einen Beitrag widme.

Weil sie einen recht großen Interpretationsspielraum bietet, versuche ich euch anhand von Anekdoten aus meiner Zeit mit Faible und aus Coachings von ihr zu erzählen.

Dass „Bedingungslosigkeit“ ein ziemlich großes Wort für das Miteinander von Pferd und Mensch ist, dessen bin ich mir bewusst. Aber es passt zu meinem Bauchgefühl und hat sich für die Erklärung dieser Übung als besonders verständlich erwiesen.

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„Ich möchte sie nicht ignorieren!“ Diese Aussage kam nur wenige Minuten, nachdem ich die Übung in der Freiarbeit mit einer sensiblen Stute vorgeschlagen habe. Ihr Mensch schaute mich verwirrt und ein bisschen unglücklich an und ich fühlte mich ihr verbunden, weil in dieser Aussage so viel Tiefe für mich steckte und ich mich freute, dass wir das gleiche Gefühl teilten.

Eine mentale Mauer zu bauen, um das Pferd zu einer optischen Entspannung (und für mich gefühlten Passivität) zu bringen, ist für mich das Gegenteil meiner Lieblingsübung mit Pferden. Es entfernt mich stets von unserer ehrlich gefühlten Wahrnehmung. Und genau das sage ich der Pferdefrau, als sie dem Gefühl mit ihrer Aussage Gewicht verleiht. Um die Tiefe ihrer Worte zu verstehen, muss ich noch ein wenig weiter ausholen.

Die meisten Pferde lernen, dass sie in unserer Anwesenheit am besten nichts tun, wenn wir ihnen keine direkte Frage stellen. Ungefragt eigene Ideen in die Zusammenarbeit mit uns Menschen einzubringen ist nämlich meistens unerwünscht, weil die eigentlich logischste Idee des Pferdes (z.B. grasen, zur Herde zurück laufen, ..) meist das Gegenteil von der Idee in unserem Kopf ist. Wir möchten, dass das Pferd bei uns bleibt und unsere Fragen beantwortet, wenn wir uns direkt an das Tier wenden. Das Pferd entscheidet sich also, wenn es klug ist und die Regeln kennt, für eine Kooperation mit uns Menschen, um unangenehme(re)n Situationen aus dem Weg zu gehen.

Und auch wir Menschen sind oft in unserem freien Handeln eingeschränkt, beispielsweise durch unsere eigenen Ängste. Was würde bloß passieren, wenn das Pferd seinen eigenen Ideen nachgeht und wir es darin bestärken uns Menschen mal an die Hand zu nehmen?

Bin ich neugierig genug, herauszufinden, wer mein Pferd wirklich ist?

©Katja Danielski

Ich finde mich noch oft in Situationen, in denen ich Faible den Weg versperre, in den Zügel greife oder ihr auf andere Weise Türen schließe. Keine Frage, oft dient genau das ihrer und meiner Sicherheit. Doch nicht immer fühlt es sich so an, als wäre ein Nein meinerseits die einzig mögliche Entscheidung auf dem Weg zu einem ehrlicheren und beidseitig bereichernden Zusammensein. Je öfter ich meine Aufmerksamkeit auf solche Situationen gerichtet habe, desto tiefer möchte ich in das Thema einsteigen.

Gerade in der Freiarbeit müssen wir uns ständig entscheiden, ob wir der Idee des Pferdes nachgehen, oder ob wir lieber unseren eigenen Ideen vertrauen. Für mich ist zu Beginn der Arbeit mit positiver Verstärkung das Zusammenspiel zwischen Pferd und Mensch besonders spannend, weil das Nein des Menschen in den Hintergrund gerät und wir uns gewissermaßen ins Ungewisse stürzen. Unsere Angst vor Enttäuschungen, Planänderungen, Kontrollverlust hemmt uns im täglichen Miteinander oft so sehr, dass wir uns unbewusst nicht nur vor unangenehmen Überraschungen, sondern gerade auch vor besonders berührenden Überraschungen absichern. Durch den Ausschluss der Idee des Pferdes machen wir die neue Tür nicht nur zu, wir schließen sie sogar regelmäßig bewusst ab.

Die wunderschöne weiße Stute auf dem Foto war bei unserem ersten Zusammenkommen in der Halle ziemlich passiv. Um genau zu sein, hat sie meine Geduld sehr viel stärker auf die Probe gestellt, als die Geduld ihrer Menschenfreundin. Wo ich normalerweise noch zuversichtlich und ruhig warten kann, im Vertrauen darauf, dass das Pferd uns Menschen auch von sich aus etwas mitteilen möchte, da schien mir an besagtem Tag die Gelassenheit zu fehlen. Ich ermunterte, ihr verschiedene Angebote zur Zusammenarbeit zu machen, eröffnete Ideen zu einer gelungenen Zeit und bestärkte die beiden darin, dass es egal sei, welche Idee das Pferd mitbringen würde.

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Unser Ziel war es, das Pferd zu ermutigen, sich mit einer eigenen Idee einzubringen. Doch die Stute hatte andere Pläne. Sie beobachtete uns und schien unbeeindruckt, was für mich inzwischen ebenfalls ein deutliches Indiz dafür ist, dass wir uns von meiner Lieblingsübung entfernen. Beeindrucken wollen ist wohl das letzte, was ich mit Bedingungslosigkeit in Verbindung bringen möchte.

Mein gefühltes „Mach was!“ lag in der Luft und schien sie sicherlich zu stören, obwohl ich optisch weit von ihr entfernt stand, und die beiden aus der Entfernung beobachtete. Als wir endlich loslassen konnten und ihr Mensch aussprach, dass sie heute wohl nicht die Idee hat, unsere Anfragen zu beantworten, schien sie plötzlich unglaublich erleichtert zu sein. Eben weil sie nicht passiv mit uns zusammen sein wollte, um uns zufrieden zu stellen, (also genau das worum es uns ursprünglich ging), behielt sie ihre Weisheit bis zum Schluss auf, um sich langsam neben ihrer Menschenfreundin in den Sand zu legen und dort zum ersten Mal eine gefühlte Unendlichkeit mit uns zu dösen. Ich setzte mich andächtig mit großem Abstand dazu und spürte dankbar, wie mir der Anblick der weißen Stute Sekunde um Sekunde Last von den Schultern nahm. Ich bekam einen dicken Kloß im Hals und wir wurden gemeinsam still.

Am Ende der Einheit war ich tief beeindruckt von der Stute und ihrem Menschen. Und das ist kein Widerspruch dazu, dass die Lieblingsübung der Bedingungslosigkeit nichts mit „beeindrucken wollen“ zu tun hat. Denn das Gegenteil ist der Fall: Weil es nicht darum geht, jemand anderen zu beeindrucken, überrascht mich diese Übung immer und immer wieder durch beeindruckende Erlebnisse.

 

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Nach wie vor ist mir zur Übung der Bedingungslosigkeit und des „Türe-Öffnens“ mein Erlebnis mit einem besonderen Lipizzaner in Südafrika in Erinnerung, der sich bei unserer ersten freien Begegnung vom alten Eisen zum weißen Tänzer verwandelte. Es war seine Idee gewesen, mit mir ins Roundpen zu kommen und er brachte sich so energiegeladen und lebensfroh in unsere Zusammenarbeit ein, wie ich es zuvor noch nie erlebt hatte.

Ich denke, wenn wir bereit sind uns darauf einzulassen, geht es im Zusammensein mit Pferden um die gemeinsame Entwicklung zweier Lebewesen, die sich gegenseitig gut tun und aneinander wachsen.

Oft frage ich mich: Wer möchte ich für mein Pferd sein? Und dabei entwickelt sich schnell die Frage: Wer möchte ich denn eigentlich NICHT für mein Pferd sein? Wie soll es mich nicht wahrnehmen? Mir hilft in aufgewühlten Momenten das bedingungslose Zusammensein mit meinem Pferd, in denen ich mich von seinen Ideen tragen lasse und darauf vertraue, dass es gut wird, wenn ich bereit bin meine Ängste loszulassen. So wie ich es an einem lauen Sommerabend inmitten unserer Herde tun konnte, als uns ein Fotograf besucht hat. Mir war egal, ob wir ihn beeindrucken können, mir hat es gereicht, von Faible mitgenommen zu werden. Ich war beeindruckt, wie seltsam sanft mich die Pferde in ihre Mitte genommen habe, als ich keine Fragen und Ansprüche stellte. Es war ein beeindruckender Abend, obwohl – oder sollte ich sagen weil? – nichts beeindruckendes geschah.

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Kennt ihr solche Erlebnisse mit Pferden? Erzählt mir doch gerne in den Kommentaren, was euch besonderes mit Tieren passiert ist, obwohl – oder weil – ihr bedingungslos zusammen gewesen seid. 🙂

Tash-Horseexperience schreibt auf ihrem Blog über Meditation mit Pferden und wie es ist, einfach mit ihnen im Moment zu sein. Ich kann auch nicht gut abschalten – außer bei den Pferden. Steht ja zum Glück nirgendwo geschrieben, dass man für Meditationen einen Ruheraum und eine Matte braucht, oder?

Anna schreibt ebenfalls auf ihrem Blog darüber, wie sie bei Pferden in Ruhe und Gelassenheit dem Alltagsstress entflieht. Schaut doch mal bei ihr vorbei! 🙂

8 Antworten zu “Meine Lieblingsübung: Vom bedingungslosen Zusammensein.

  • Das ist mir auch schon aufgefallen! Immer wenn ich keine großen Erwartungen, Ansprüche oder Ziele hatte, sind mir die schönsten Dinge mit meinem Schatz passiert 🙂 Wenn ich mit Freunden darüber geredet hab, hab ich’s immer erwartungslos genannt, aber bedingungslos ist eindeutig schöner!
    Toller Artikel Miri! Ich liebe sowohl deine Gedanken als auch Formulierungen 🙂

  • Hallo!
    So ein schöner Eintrag! Das Thema beschäftigt mich auch schon sehr lange… Ich konnte nie bedingungslos mit meinem Pferd zusammen sein, weil es sich so stark in mir gefestigt hat, dass man was mit seinem Pferd tun muss – man muss es ja „bewegen“… Durch 6 Monate Beritt konnte ich ihn teilweise nur einmal in der Woche sehen und da konnte ich mich endlich langsam darauf einlassen, da ich ja auch nichts mit ihm „tun musste“. In dieser Zeit – und obwohl ich so selten da war – hat sich unsere Beziehung unheimlich gestärkt!
    Es ist immernoch etwas drin, diese Unruhe, aber er hilft mir dabei. Jetzt können wir tatsächlich auch mal bedingungslos Zeit miteinander verbringen, mit seinem Kopf auf meiner Schulter, verträumt in die Ferne schauen, kraulen, schmusen und Entspannen – alles nach seinem Sinne 🙂
    LG

    • …und wenn wir leise genug sind, merken wir, dass es eigentlich auch in unserem Sinne ist. So empfinde ich es zumindest. Ein guter Freund hat mir letztens gesagt: Als Kind war ich sehr sensibel. Das habe ich irgendwann verloren. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir diese Sinne nicht verloren haben, sondern bloß wieder aufdecken müssen. Ein bisschen Staub und ganz viel „wir müssen eigentlich…“ abwischen und auf neue Entdeckungsreise gehen. 🙂

  • Sehr schöner und berührender Blogeintrag :)! Es ist toll wie du einen in deine eigene Gedankenwelt einbringst, wir mitfühlen und verstehen können… das inspiriert mich sehr.
    Meine Araberstute war seit dem 3. Lebensjahr ein typisches Horesemanship-Pferd, die sich immer dagegen gewehrt hat, aber mit Parelli bekommt man jedes Pferd einigermaßen zu schweigen… Irgendwann durfte ich umdenken, und ich muss sagen, ich habe das glücklichste Pferd überhaupt 🙂 Durch Clickertraining habe ich ihr den Raum für Ihre Ideen gegeben, den sie brauchte, denn sie ist ein sehr kluges Tier. Alles was sie von sich aus anbot, wurde belohnt. So geht sie mittlerweile selber auf Beispielsweise Bälle zu, und beschäftigt sich mit ihm und präsentiert mir immer wieder neue Ideen. Das möchte ich ihr immer mehr zulassen, auch sie unter dem Sattel mal selbst den Wald erkunden lassen wenn sie scheinbar respektlos mitten in das Gestrüpp geht.. Danke für deinen Denkanstoß, ich freue mich auf weitere Artikel ♥

    • Liebe Maria,
      deine Geschichte zum Ausreiten erlebe ich auch immer wieder. Plötzlich zieht das Pferd regelrecht in eine andere, vielleicht ganz neue Richtung und bisher wurde ich nie enttäuscht, wenn ich diese Idee angenommen habe. Ich denke die Angst, nicht mehr „Herr der Lage“ zu sein, ist eben für viele Menschen groß genug, um dem Ungeplanten nicht zu vertrauen. Hätte Faible damals nicht so überdeutlich Nein zu mir gesagt, hätte es für mich aber wahrscheinlich auch nicht so heftig den Anreiz zum Umdenken, wie du es nennst, gegeben. ♥ Danke für deinen Beitrag.

  • Vielen Dank für den tollen Beitrag, den brauchte ich als Schubs, um noch mal weiter umzudenken. Ich bin auf einem Hof mit anderen Reitern. Eigentlich bekomme ich dadurch den Druck, etwas Sinnvolles machen zu müssen, da man ja beobachtet wird. Davon muss ich mich irgendwie befreien!

    • „Sinnvoll“ ist ja ein sehr subjektives Wort. 🙂 Für mich ist wichtig zu spüren was meinem Pferd und mir gut tut, damit wir beide gesund und glücklich sind. Befreien können wir uns vor allem in uns selbst, weil es in unserer Hand liegt, wie viel Wert wir vor allem auf die Meinung unseres Pferdes legen.

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